708
Schiffbau.
Marine-Artillerie.
Die Verwendung von Geschützen an Bord der Kriegsschiffe reicht bis in den Anfang
des 14. Jahrhunderts zurück. Man verwendete glatte Geschützrohre, welche teilweise ans
Bronze, teilweise aus Gußeisen gefertigt waren und welche Steiukngeln oder gußeiserne
Vollkugeln schleuderten. Anfänglich zeigte sich das Bestreben, das Kaliber der Rohre
groß zu wählen, um möglichst schwere Kugeln schleudern zu können, und man steigerte
die Vollkugeln bis zu einem Getvicht von 800 Pfund. Später ging man zu kleineren
Kalibern über und suchte die Handhabung des Geschützes zu erleichtern und die Genauigkeit
des Zielens sowie die Schußweite zu vergrößern, und so kam man gegen Ende des
18. Jahrhunderts zu Geschützen, welche Kugeln von je 18, 24, 32 und 42 Pfund Gewicht
auf etwa 2000 Schritt schossen. Die „Victory", das berühmte englische Linienschiff und
Flaggschiff Nelsons, führte eine Geschützarmierung von dreißig 42-Pfündern und
32-Pfündern, dreißig 24-Pfündern, vierzig 12-Pfündern sowie zwei 68-Pfündigen Karro-
naden. Diese große
Anzahl von Geschützen
fand ans den Linien
schiffen auf den ein
zelnen Decks in der
Breitseite Aufstellung.
Die Rohre waren auf
hölzernen Lafetten
oder Raperten ge
lagert, welche aus
zwei starken eichenen
Bohlen bestanden, die
vorn und hinten durch
entsprechende Quer
hölzer verbunden
waren. Die Lafette
wurde auf hölzernen,
niedrigen Blockrädern
729. Batterie eines iitteren Kriegsschiffes. bewegt. Das Rohr
lagerte mit seinen
Schildzapfen in entsprechenden Auskehlungen der Lafettenwände. Die Höhenrichtung der
Geschütze erfolgte mittels Handspaken, mit welchen oas Bodenstück des Rohres, das stets
mit Hintergewicht gelagert war, gehoben wurde, um hölzerne Richtkeile unterschieben
zu können. Mit denselben Handspaken sowie unter Benutzung von Seitentaljen wurde
die geringe Seitenrichtung des Geschützes, d. h. das Schtvenken der Lafette bewirkt. Der
Rücklauf der Lafette beim Schuß wurde teilweise durch die Decksbucht, teilweise durch die
Reibung der sehr starken Achsen der Blockräder gehemmt. Später trat das Brovktau
hinzu, welches die Radlasette mit der Schiffswand verband und dessen Elastizität den
Rückstoß milderte. Die Länge desselben wurde so bemessen, daß nach dem Rücklauf des
Geschützes seine Mündung etwa 2 Fuß von der Bordwand abstand, um das Rohr von
neuem laden zu können. Hierbei wurde die Lafette durch die Einholtalje festgehalten.
Nach dem Laden mußte die Lafette durch die Ausrenntaljen dicht an die Bordwand ge
zogen werden, um die Geschützmündung zur Geschützpsorte hinauszubringen.
Die Bedienung dieser primitiven Lafetten, welche für die damaligen glatten Rohre
mit geringer Ladung und mangelhafter Schußgenauigkeit auf tveitere Entfernungen
genügten, erforderte jedoch eine zahlreiche Bedienungsmannschaft, welche sich z. B. für die
82-Pfünder auf 14 Mann pro Geschütz belief. Da in der Regel in jedem Deck ans
jeder Schiffsseite mindestens 15 Geschütze aufgestellt tvaren, so ergab sich für eine Bord
seite eine Bedienungsmannschaft von 210 Mann für jedes Deck. Mußten die Geschütze