Full text: Der Weltverkehr und seine Mittel

Marine-Artillerie: Gezogene Geschütze. 711 
In Frankreich, welches am längsten an dem Gußeisen als Geschützmaterial festhielt, 
begann man erst im Jahre 1874 mit dem Bau stählerner Rohre aus Siemens-Martin- 
Stahl. Die erste Stahlkanone, welche ans französischem Stahl — St. Chamond — 
gefertigt war, war die „Marie Jeanne" von 24 cm Bohrung, welche während der Be 
lagerung von Paris im Fort Mont Valerien von so großer Bedeutung wurde. 
Die Unsicherheit des ersten Armstrongschen Htnterladeverschlusses veranlaßte sehr 
bald die Engländer, zu den Borderladegeschützen zurückzukehren, trotz der Vorzüge des 
Hinterladesystems mit Bezug auf Treffsicherheit und schnelle Geschützbedienung. Erst die 
stete Zunahme der Rohrlängen zur Erhöhung der Anfangsgeschwindigkeit der Geschosse, 
durch welche das Vorderladesystem an Bord der Schiffe schließlich unmöglich wurde, 
brachte die Engländer im Jahre 1880 wieder auf die Hinterlader zurück. Und so 
sehen wir, daß Krupp mit seiner Geschützkonstruktion von Anfang an bahnbrechend 
vorging, nicht nur mit Bezug auf das Geschützmaterial, sondern auch wegen seines 
beharrlichen Festhaltens am Hinterladesystem. Nachdem der Stahl allgemein als Ge 
schützmaterial sich eingebürgert hatte, bildet in der Hauptsache die Konstruktion des Ver 
schlusses das wesentliche Unterscheidungsmerkmal in den Geschützsystemen der Kriegs 
marinen. 
Neben der Einführung der gezogenen Geschütze kennzeichnet sich nun der Kampf 
zwischen Geschütz und Panzer anfänglich darin, daß man alsbald bestrebt war, das 
Kaliber des Geschützes und hiermit das Gewicht des Geschosses zu vergrößern, um die 
Aufschlagskraft des Geschosses, d. h. die Energie oder die lebendige Kraft desselben zu 
steigern, da die schon mehrfach beringten Rohrwandungen eine Erhöhung des Gasdrucks 
nicht mehr zuließen. Auch wurde für die Panzergeschosse ein härteres Material — Stahl 
und sogenannter Hartguß — sowie Granaten eingeführt, deren Sprengladung ohne 
Zünder durch den gewaltigen Stoß, welchen das Geschoß beim Auftreffen auf die 
Panzerung erleidet, und die hierdurch auftretende Erwärmung entzündet wurde. Es 
entstanden auf diese Weise im besonderen in England und Italien die gewaltigen Riesen 
geschütze von 100 bis 120 t Rohrgewicht, welche Geschosse bis zu 1000 kg Gewicht 
feuerten, deren Bedienung nicht allein umständlich und langsam >var, sondern welche auch 
schon nach wenigen scharfen Schüssen derartige Verbiegungen im langen Felde zeigten, 
daß ein weiteres Schießen mit diesen Geschützen eingestellt werden mußte. Die Franzosen 
begnügten sich mit Rohren von 34 cm Kaliber, während man in Deutschland schon im 
Jahre 1875 der Ansicht war, daß mit Bezug auf die Geschützbedienung und die Dauer 
haftigkeit des Rohres ein Hinausgehen über das Kaliber von 28 ein nicht wünschens 
wert sei. 
Doch erst durch die Einführung des langsam verbrennenden grobkörnigen und des 
prismatischen Pulvers fand man ein wichtiges Mittel, die Anfangsgeschwindigkeit der 
Geschosse ohne Erhöhung des Gasdrucks zu steigern, indem man die Rohre verlängerte 
und den Gasdruck auf das Geschoß bis zum Verlassen der Rohrmündung ausnutzte. Es 
brachte das langsam brennende Pulver den weiteren Vorteil mit sich, daß das Geschoß 
mit einem Teil der entwickelten Pulvergase verhältnismäßig weich in die Züge des Rohres 
eingepreßt wurde und durch die weitere Verbrennung des Pulvers eine immer be 
schleunigtere Geschwindigkeit erhielt. Auch konnte auf diese Weise der Drall nach der 
Mündung zu progressiv verstärkt werden, so daß dem Geschoß mit zunehmender Ge 
schwindigkeit gleichzeitig eine schnellere Drehung um seine Achse erteilt wurde, was eine 
erhöhte Treffsicherheit zur Folge hatte. Der Erfolg dieses Grundsatzes zeigt sich z. B. darin, 
daß das 160 lex schwere Geschoß eines 40 Kaliber langen 24 cm-Geschützes, Länge des 
Rohres 9,6 m, eine größere Durchschlagskraft besitzt, als ein 525 kg schweres Geschoß 
eines 25 Kaliber langen 35,5 cm-Geschützes, Länge des Rohres 8,8s m. 
Man stieg so allmählich von 15 bis 20 Kaliber langen Rohren auf 35 bis 
45 Kaliberlänge. Doch auch mit der Verlängerung der Geschützrohre ist eine Grenze 
vorhanden, da einesteils die langen Rohre leichter durchbiegen, anderenteils die Züge 
durch die längere Wirkung der Pnlvergase mehr leiden und leichter Anfressungen erhalten. 
Man ist daher im allgemeinen über 40 Kaliber lange Rohre nicht hinausgegangen.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.