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Posten und Postwesen.
In keinem Staate Europas wurde das Postivesen noch bis in die neueste Zeit als
Finanzquelle so ausgebeutet, wie in Frankreich; es sind deshalb auch dort mit den Post
taxen die verschiedenartigsten Experimente gemacht worden. Bald wurde das Porto er
mäßigt, bald wieder erhöht, je nachdem man sich von einer solchen Maßregel günstige
finanzielle Erfolge versprach. So fand eine Erhöhung der Taxen zur Revolutionszeit und
später noch einmal im Jahre 1806 statt, um die Posterträgnisse noch ergiebiger zu
machen. Dieser Zweck wurde indes verfehlt. Denn die Posteinnahmen gingen nun dermaßen
zurück, daß 1808 noch nicht einmal der vor der ersten Erhöhung erzielte Reinertrag wieder
erreicht wurde, obgleich das französische Postgebiet inzwischen einen beträchtlichen Länder
zuwachs erhalten hatte. Trotz dieses Mißerfolges hat man in neuerer Zeit doch wieder
zu einer Erhöhung der Portosätze seine Zuflucht genommen, um den infolge des Krieges
von 1870 und 1871 erschöpf
ten Staatskassen durch Über
schüsse aus der Verwaltung
des Postwesens noch mehr als
seither zu Hilfe zu kommen.
Man erhöhte das Porto inner
halb des französischen Post
gebiets für frankierte Briefe
von 20 ans 25, für unfran
kierte auf 40 Centimes, und
das der Stadtpostbriefe von
10 auf 15 Centimes. Die
Folge war ein Herabgehen der
Postbenutzung. Die Zahl der
beförderten Briefe war von
1,22 Millionen Stück im
Jahre 1848 auf 364 Milli
onen (1869) gestiegen, sank
aber im Jahre 1870 infolge
der kriegerischen Ereignisse auf
281 Millionen herab und er
reichte , nachdem inzwischen
(1871) die vorbezeichnete Er
höhung der Taxen eingetreten
war, erst drei Jahre nach dem
77g. Landbrirstriiger im Departement des Landes. Kriege wieder die Höhe V0N
Nach einer Zeichnung von Prof. Ludwig Burger im Reichspostmuseum zu Berlín. Z50 ÜDÍiíItOltert. 35iettlt TUtlt
auch die Überschüsse der Post
verwaltung unter der Einwirkung des hohen Tarifs und äußerster Sparsamkeit in den
Betriebsausgaben eine nicht unbeträchtliche Steigerung erfuhren, so war doch der finan
zielle Erfolg der Maßregel nur ein scheinbarer, denn die Mehrerträge von den Posten waren
nicht ausreichend, um die Staatskasse für den Ausfall an Einnahmen schadlos zu halten,
welchen dieselbe infolge der Verkehrserschwernisse bei anderen Verwaltungszweigen zu
verzeichnen hatte. Als es sich im Jahre 1874 um die Gründung eines Weltpostvereins
handelte, zögerte Frankreich, seinen Anschluß zu erklären, weil die Grundidee des Ver
eins: den Postverkehr durch Billigkeit der Portosätze nach Möglichkeit zu erleichtern,
in finanzieller Hinsicht nicht den Grundsätzen entsprach, nach welchen man seither in
Frankreich das Postwesen verwaltet hatte. Aber schon kurze Zeit nach dem Inkraft
treten des Vereinsvertrags kam man zu der Einsicht, daß die Stellung des Landes
außerhalb des Vereins nicht lange aufrecht erhalten werden konnte, ohne den eigenen
Verkehrsinteressen die empfindlichsten Nachteile zuzufügen. So entschloß man sich denn,
dem Vereine (zum 1. Januar 1876) beizutreten und damit eine Politik aufzugeben,.