Full text: Der Weltverkehr und seine Mittel

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Posten und Postwesen. 
schwingt der Jamtschik oder Postillon die Peitsche und schnalzt die Pferde an. Auf 
der großen, Sibirien der Länge nach durchziehenden Heerstraße, welcher jetzt auch der 
Telegraph folgt, erfährt der Reisende zum Überdruß, wie sehr die russischen Post- 
einrichtungen noch in den Kinderschuhen stecken. Dort findet sich eine Anzahl kleinerer 
Stationen, auf welchen nur mit Mühe und Rot frische Pferde aufzutreiben sind; auch 
ein mit dem kaiserlichen Siegel versehenes Postbeschwerdebuch, das an einer Kette befestigt 
ist, hat nicht viel zu bedeuten; höchstens finden die Klagen der Staatskuriere Berück 
sichtigung. Brücken und gesicherte Stege bestehen auf dieser ganzen wichtigen Route 
nirgends. Die Wagen und Schlitten sind von ursprünglichster Einrichtung und bieten 
dem Reisenden nicht die geringste Bequemlichkeit, sie entbehren sogar häufig der Sitzplätze, 
so daß man nur liegend in ihnen reisen kann. In den Steppen Ostsibiriens werden 
statt der Pferde Renntiere zum Fortschaffen der Fahrzeuge verwendet. Diese Tiere sind 
von großer Genügsamkeit und im stände, 13 bis 16 Werst in der Stunde zurückzulegen. 
In anderen, namentlich den nördlichen Gegenden Sibiriens findet man auch Hundeposten. 
Es werden sechs bis zwölf Hunde vor eine Narta (Postschlitten) gespannt, denen ein 
Leithund vvraneilt. Letzterer hört auf den Zuruf des Schirrmeisters und leitet den ganzen 
Zug mit großer Geschicklichkeit. Die Stationen sind sehr weit — oft 40 bis 80 Werst — 
voneinander entfernt. Die Hunde legen diese Strecken jedoch mit großer Ausdauer 
zurück und halten behufs der Fütterung verhältnismäßig selten Rast. Mit dem Fort 
schreiten des vor mehreren Jahren begonnenen Baues der großen Eisenbahnlinie, welche 
ganz Sibirien von Westen nach Osten durchziehen soll und von der jetzt über die Hälfte 
fertiggestellt ist, geht die Entwickelung des Postwesens dort Hand in Hand. Auf den 
Hauptstationen der Bahn werden Postanstalten errichtet, mit denen die umliegenden Ge 
meinden sich in Verbindung setzen. Im Kaukasus sind die Straßen so unsicher, daß 
räuberische Anfälle auf die Posten dort nicht selten sind, obgleich letzteren in 1)er Regel 
militärische Eskorten beigegeben werden. Wenn schon bei uns die Post zu den liebsten 
öffentlichen Einrichtungen gehört, wie sehr muß erst das Nahen des Postwagens oder 
Postreiters diejenigen Menschen erfreuen, die, wie in Rußland, äußerst dünn auf weiten 
Strecken zerstreut sind. Man ist dort auch in seinen Ansprüchen an die Post bescheidener. 
Noch im Jahre 1892 hatten von den 5845 Postorten 1109 eine nur wöchentlich zwei 
malige oder noch seltenere Postverbindung, ja es gab darunter sogar Orte, die monatlich 
nur ein- oder zweimal Postsachen erhielte». Bei der ungeheueren Ausdehnung des Reichs 
und der verhältnismäßig geringen Anzahl von Postanstalten ist es nicht zu verwundern, 
wenn in den spärlich bevölkerten Gegenden manche Ortschaften über 100 Werst von der 
nächsten Postanstalt entfernt sind. Da in Rußland eine Bestellung der Postsachen nach 
Landorten nicht stattfindet, so ist es den Kreisen überlassen, Kreisposten einzurichten, um 
die Ortschaften des Kreises, welche sich des Vorteils einer Postanstalt nicht erfreuen, mit 
einer solchen in Berührung zu bringen. Diese Landposten lassen aber meist viel zu 
wünschen übrig, da ihr Abgang sowie ihre Ankunft oft sehr unregelmäßig erfolgen und 
nicht selten von der Willkür des betreffenden Beamten abhängen. Etwas besser freilich, 
als in Sibirien, sind die Postverhältnisse im europäischen Rußland. Hier bestanden 
schon vor 60 Jahren tägliche Briefposten zwischen St. Petersburg und Moskau, eine 
wöchentlich dreimalige Post zwischen St. Petersburg und Tauroggen (an der preußischen 
Grenze), eine wöchentlich zweimalige Post zwischen St. Petersburg und Warschau u. a. m. 
In neuerer Zeit hat man auch in Rußland, nach dem Vorgänge anderer Staaten sich 
veranlaßt gesehen, den Postdienst wenigstens in den wichtigsten Provinzen einigermaßen 
zeitgemäß zu gestalten. Weit ist man aber damit bis jetzt noch nicht gediehen. Zwar 
ist die Zahl der Postanstalten in den Jahren 1875 bis 1897 von 3412 auf 9395, der 
Briefkasten von 5319 auf 15 808 angewachsen. Was will das aber in dem weiten 
Rußland sagen, das einen Flächenraum von 22 434 000 qkm enthält und von mehr als 
129 Millionen Menschen bewohnt wird? Im Jahre 1875 umfaßte der Postversenduugs- 
verkehr 70 Millionen Briefe, 1 419 000 Postkarten, 45 Millionen Drucksachen, Zeitungs- 
uummern, Geschäftspapiere und Warenprobenseudungen, 5 671 000 Briefe mit Wert-
	        
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