Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

774

Posten  und  Postwesen.

schwingt  der  Jamtschik  oder  Postillon  die  Peitsche  und  schnalzt  die  Pferde  an.  Auf
der  großen,  Sibirien  der  Länge  nach  durchziehenden  Heerstraße,  welcher  jetzt  auch  der
Telegraph  folgt,  erfährt  der  Reisende  zum  Überdruß,  wie  sehr  die  russischen  Posteinrichtungen
  noch  in  den  Kinderschuhen  stecken.  Dort  findet  sich  eine  Anzahl  kleinerer
Stationen,  auf  welchen  nur  mit  Mühe  und  Rot  frische  Pferde  aufzutreiben  sind;  auch
ein  mit  dem  kaiserlichen  Siegel  versehenes  Postbeschwerdebuch,  das  an  einer  Kette  befestigt
ist,  hat  nicht  viel  zu  bedeuten;  höchstens  finden  die  Klagen  der  Staatskuriere  Berücksichtigung. ­
  Brücken  und  gesicherte  Stege  bestehen  auf  dieser  ganzen  wichtigen  Route
nirgends.  Die  Wagen  und  Schlitten  sind  von  ursprünglichster  Einrichtung  und  bieten
dem  Reisenden  nicht  die  geringste  Bequemlichkeit,  sie  entbehren  sogar  häufig  der  Sitzplätze,
so  daß  man  nur  liegend  in  ihnen  reisen  kann.  In  den  Steppen  Ostsibiriens  werden
statt  der  Pferde  Renntiere  zum  Fortschaffen  der  Fahrzeuge  verwendet.  Diese  Tiere  sind
von  großer  Genügsamkeit  und  im  stände,  13  bis  16  Werst  in  der  Stunde  zurückzulegen.
In  anderen,  namentlich  den  nördlichen  Gegenden  Sibiriens  findet  man  auch  Hundeposten.
Es  werden  sechs  bis  zwölf  Hunde  vor  eine  Narta  (Postschlitten)  gespannt,  denen  ein
Leithund  vvraneilt.  Letzterer  hört  auf  den  Zuruf  des  Schirrmeisters  und  leitet  den  ganzen
Zug  mit  großer  Geschicklichkeit.  Die  Stationen  sind  sehr  weit  —  oft  40  bis  80  Werst  —
voneinander  entfernt.  Die  Hunde  legen  diese  Strecken  jedoch  mit  großer  Ausdauer
zurück  und  halten  behufs  der  Fütterung  verhältnismäßig  selten  Rast.  Mit  dem  Fortschreiten ­
  des  vor  mehreren  Jahren  begonnenen  Baues  der  großen  Eisenbahnlinie,  welche
ganz  Sibirien  von  Westen  nach  Osten  durchziehen  soll  und  von  der  jetzt  über  die  Hälfte
fertiggestellt  ist,  geht  die  Entwickelung  des  Postwesens  dort  Hand  in  Hand.  Auf  den
Hauptstationen  der  Bahn  werden  Postanstalten  errichtet,  mit  denen  die  umliegenden  Gemeinden ­
  sich  in  Verbindung  setzen.  Im  Kaukasus  sind  die  Straßen  so  unsicher,  daß
räuberische  Anfälle  auf  die  Posten  dort  nicht  selten  sind,  obgleich  letzteren  in  1)er  Regel
militärische  Eskorten  beigegeben  werden.  Wenn  schon  bei  uns  die  Post  zu  den  liebsten
öffentlichen  Einrichtungen  gehört,  wie  sehr  muß  erst  das  Nahen  des  Postwagens  oder
Postreiters  diejenigen  Menschen  erfreuen,  die,  wie  in  Rußland,  äußerst  dünn  auf  weiten
Strecken  zerstreut  sind.  Man  ist  dort  auch  in  seinen  Ansprüchen  an  die  Post  bescheidener.
Noch  im  Jahre  1892  hatten  von  den  5845  Postorten  1109  eine  nur  wöchentlich  zweimalige ­
  oder  noch  seltenere  Postverbindung,  ja  es  gab  darunter  sogar  Orte,  die  monatlich
nur  ein-  oder  zweimal  Postsachen  erhielte».  Bei  der  ungeheueren  Ausdehnung  des  Reichs
und  der  verhältnismäßig  geringen  Anzahl  von  Postanstalten  ist  es  nicht  zu  verwundern,
wenn  in  den  spärlich  bevölkerten  Gegenden  manche  Ortschaften  über  100  Werst  von  der
nächsten  Postanstalt  entfernt  sind.  Da  in  Rußland  eine  Bestellung  der  Postsachen  nach
Landorten  nicht  stattfindet,  so  ist  es  den  Kreisen  überlassen,  Kreisposten  einzurichten,  um
die  Ortschaften  des  Kreises,  welche  sich  des  Vorteils  einer  Postanstalt  nicht  erfreuen,  mit
einer  solchen  in  Berührung  zu  bringen.  Diese  Landposten  lassen  aber  meist  viel  zu
wünschen  übrig,  da  ihr  Abgang  sowie  ihre  Ankunft  oft  sehr  unregelmäßig  erfolgen  und
nicht  selten  von  der  Willkür  des  betreffenden  Beamten  abhängen.  Etwas  besser  freilich,
als  in  Sibirien,  sind  die  Postverhältnisse  im  europäischen  Rußland.  Hier  bestanden
schon  vor  60  Jahren  tägliche  Briefposten  zwischen  St.  Petersburg  und  Moskau,  eine
wöchentlich  dreimalige  Post  zwischen  St.  Petersburg  und  Tauroggen  (an  der  preußischen
Grenze),  eine  wöchentlich  zweimalige  Post  zwischen  St.  Petersburg  und  Warschau  u.  a.  m.
In  neuerer  Zeit  hat  man  auch  in  Rußland,  nach  dem  Vorgänge  anderer  Staaten  sich
veranlaßt  gesehen,  den  Postdienst  wenigstens  in  den  wichtigsten  Provinzen  einigermaßen
zeitgemäß  zu  gestalten.  Weit  ist  man  aber  damit  bis  jetzt  noch  nicht  gediehen.  Zwar
ist  die  Zahl  der  Postanstalten  in  den  Jahren  1875  bis  1897  von  3412  auf  9395,  der
Briefkasten  von  5319  auf  15  808  angewachsen.  Was  will  das  aber  in  dem  weiten
Rußland  sagen,  das  einen  Flächenraum  von  22  434  000  qkm  enthält  und  von  mehr  als
129  Millionen  Menschen  bewohnt  wird?  Im  Jahre  1875  umfaßte  der  Postversenduugsverkehr
  70  Millionen  Briefe,  1  419  000  Postkarten,  45  Millionen  Drucksachen,  Zeitungsuummern,
  Geschäftspapiere  und  Warenprobenseudungen,  5  671  000  Briefe  mit  Wert-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.