Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

790  Posten  und  Postwesen.
Schritt  zu  thun  und  damit  der  deutschen  Einheit  ein  Opfer  zu  bringen,  das  von  der
Handels-  und  Verkehrswelt  schon  lange  ersehnt  worden  ist  und  mit  großer  Befriedigung
aufgenommen  werden  würde.
Die  neue  deutsche  Reichspvst  ist  bisher  nach  volkswirtschaftlichen  Grundsätzen  geleitet ­
  worden.  Ihre  Ziele  waren  nicht  vorzugsweise  auf  den  Gelderwerb  gerichtet,  vielmehr ­
  war  bei  allen  ihren  Anlagen  und  Einrichtungen  in  erster  Linie  die  Bedürfnisfrage
maßgebend.  Wir  glauben  uns  der  Hoffnung  hingeben  zu  dürfen,  daß  auch  fernerhin  die
gleichen  Grundsätze  zur  Anwendung  kommen  werden.  An  den  Vorteilen,  welche  die
jetzige  Reichspost  zur  Unterhaltung  und  Erleichterung  des  Verkehrs  bietet,  nehmen  alle
Schichten  der  Bevölkerung  in  den  Städten  wie  auf  dem  Lande  teil.  Ihre  Überschüsse
fließen  nicht  in  den  Säckel  eines
einzelnen,  sondern  werden  zur
Bestreitung  der  Ausgaben  des
Reichs  mit  verwendet,  kommen
also  mittelbar  allen  Angehörigen
des  Reichs-Postgebietes  zu  gute.
Wenn  die  Post  jetzt  ziemlich ­
  hohe  Überschüsse  zur  Reichs-Hauptkasse
  abliefert,  so  steht
das  mit  obigen  Ausführungen
durchaus  nicht  im  Widersprüche.
Diese  Überschüsse  rühren  nämlich ­
  größtenteils  von  den  unentgeltlichen ­
  Leistungen  der
Eisenbahnen  für  die  Post  her
(s.  Seite  62),  sie  würden  sehr
zusammenschrumpfen,  wenn  die
freie  Benutzung  der  Eisenbahnen ­
  durch  die  Post  für  eine
große  Anzahl  ihrer  Sendungen
aufhörte.
Die  obere  Leitung  des
Reichspostwesens  wurde  den
bewährten  Händen  des  Generalpostamts ­
  in  Berlin  anvertraut,
an  dessen  Spitze  seit  1870  der
Generalpostdirektor  Stephan
stand.  Die  großartigen  Leistungen, ­
  welche  wir  diesem  ersten  Leiter  der  deutschen  Reichspost  verdanken,  sichern  ihm
für  alle  Zeiten  einen  hervorragenden  Platz  in  der  Kulturgeschichte.  Er  hat  es  wie  kein
anderer  verstanden,  seine  gediegenen  Fachkenntnisse  und  seine  langjährigen  Erfahrungen
auf  dem  Gebiete  des  Postwesens  in  geistreichster  Weise  und  mit  außergewöhnlicher  Thatkraft ­
  zum  allgemeinen  Besten  glänzend  zu  verwerten.
Durch  die  Gesetze  über  das  Postwesen  des  Deutschen  Reichs  und  über  das  Posttaxwesen
  des  Deutschen  Reichs  vom  28.  Oktober  1871  fanden  die  rechtlichen  Verhältnisse
der  Post  und  die  Portotaxen  eine  ähnliche  Regelung  wie  unter  der  Herrschaft  des  Norddeutschen ­
  Bundes.  1873  wurde  die  Reform  des  „Post-Pakettarifs"  ins  Werk  gesetzt,
deren  Durchführung  zur  Belebung  des  kleinen  Warenverkehrs  und  zur  Hebung  des  Volkswohlstandes ­
  außerordentlich  viel  beigetragen  hat.  Nach  der  am  1.  Januar  1874  eingeführten ­
  Taxe  wird  innerhalb  Deutschlands  ein  Paket  bis  zum  Gewichte  von  5  Lg  im
Umkreise  von  10  Meilen  für  25  Pfennig  und  auf  alle  größeren  Entfernungen  für  den
billigen  Preis  von  50  Pfennig  durch  die  Post  befördert.  Dieser  niedrige  Portosatz  ermöglicht ­
  es  jedem,  seinen  Bedarf  an  Waren  in  kleinen  Mengen  selbst  auf  große  Ent-
            
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