80 Die Eisenbahnen: Vorurteile gegen dieselben.
Bahn betrugen einschließlich Betriebsnüttel und aller sonstigen Zubehörteile 175 469 Gulden,
also rund 350 000 Mark. Das ist nicht viel, freilich erhielten die bei diesem Bahnbaue be-
säiäftigten Arbeiter auch nur etwa 40 Pfennige Tagelohn, und die Baustoffe außer Schienen
und Lokomotive - konnten wohlfeil beschafft werden.
Die Personenznge wurden in der ersten Betriebszeit teils durch Dampfkraft, teils durch
Pferde befördert. Ihre Benutzung war eine sehr starke und belief sich durchschnittlich auf
1200 Reisende für den Tag. Die erstere Beförderungsart zeigte sich nach Jahresfrist als die
billigere. Güterverkehr wurde erst 1838 eingerichtet. Die ersten Güter, die zum Versand
gelangten, waren — zwei Faß Bier!
Die Betriebsausweise des jungen, neuartigen Unternehmens waren recht günstige.
Die Eisenbahngesellschaft konnte schon nach einem Jahre 20 °/ 0 Dividende verteilen, ein
gewiß glänzendes Ergebnis und auch eine Genugthuung nach dieser Seite hin für die
Männer, die die Bahn ins Leben gerufen und unentwegt allen Schwierigkeiten getrotzt
hatten. Bayern aber gebührt das unvergängliche Lob, in Deutschland zuerst dieses hoch
geschätzte Verkehrsmittel eingeführt zu haben und den anderen Bundesstaaten vorbildlich
im Eisenbahnwesen geworden zu sein.
52. Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahn zinrndcrg-Fiirtl, am 7. Dexember 1835.
Und dennoch währte es geraume Zeit, ehe weitere Bahnen in Deutschland gebaut
wurden. Heute sind wir gewohnt, von einer Erfindung, in welchem Erdteile sie auch
gemacht wird, in kurzer Zeit Kenntnis zu erhalten. Telegraph und Eisenbahn bringen
baldige Kunde in Wort und Bild. Damals fehlte beides noch in deutschen Landen, auch
stand das Zeitungswesen auf einer wenig entwickelten Stufe: Erfindungen und Fortschritte
konnten sich nur langsam verbreiten. Bei den Eisenbahnen kam dazu noch erschwerend
das schon erwähnte Vorurteil, das nicht nur der großen Menge, sondern auch den führen
den Persönlichkeiten den Blick verschleierte. Nach Marggraff („Der Sammler", 1885)
warnte anläßlich der Eröffnung der Eisenbahn von Berlin bis Potsdam 1839 der alte
Pfarrer Goßuer in seiner Predigt „die Schäflein inständigst, sich ja von dem höllischen
Drachen, dem Dampfwagen, um ihrer Seligkeit willen fernzuhalten". Treffend kenn
zeichnete Fürst Bismarck die damaligen Zustände in einer Ansprache, die er am 1. April 1890
an die Beamten der Direktion Altona hielt, als diese ihm zu seinem fünfundsiebzigsten
Geburtstage einen Fackelzng in Friedrichsruh brachten. Er sagte u. a.: „Von den An
wesenden werden sich wohl nur wenige der eisenbahnlosen Zeit erinnern, ich aber kann
es. Ich weiß, wie ich in meiner Heimat wie ein Wunder angestaunt wurde, als ich er
zählte, daß ich — es war wohl 1837 oder 1838 — in Belgien auf einer Eisenbahn
gefahren sei. Und dann kam die erste Eisenbahn in Preußen, von Berlin nach Potsdam, 1839.
Aber da wurde nur ein Gleis gebaut, denn auf einen größeren Verkehr wurde nicht ge
rechnet, und auch sonst lvar man in dieser Beziehung etwas engherzig gesinnt." Und wie
in Deutschland, so auch in den übrigen Ländern. Minister Thiers äußerte am 21. April 1836
im französischen Parlament: „Wir haben einen hohen'Grad von Zivilisation erreicht.