Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

Der  wirtschaftliche  Urzustand.  869
ueger  des  Festlandes  u.  s.  w.).  In  kleinen  Gruppen  schweifen  sie,  ähnlich  wie  das  Standwild ­
  auf  verhältnismäßig  kleinen  Gebieten  umher.  Nachtlager  und  Obdach  bietet  ein
Baum,  eine  Höhle,  ein  Busch  oder  eine  Grube  in  der  Erde.
Das  Nahrungsbedürfnis  ist  das  einzige,  das  sie  zur  Thätigkeit  treibt.  Mit  Pfeil
und  Bogen,  mit  Lanze  und  Wurfholz  stellt  der  Mann  den  Jagdtieren  nach,  das  Weib
durchsucht  den  Wald  nach  Früchten  und  Beeren  und  wühlt  mit  einem  spitzen  Stück  Holz
im  Boden  nach  Knollengewächsen  und  Wurzeln.  So  bildet  sich  schon  in  frühester  Zeit
eine  gewisse  Arbeitsteilung  zwischen  beiden  Geschlechtern  heraus:  der  Mann  schafft  den
animalischen,  das  Weib  den  vegetabilischen  Teil  der  Nahrung.  Vorsorge  für  die  Zukunft
oder  für  den  Nebenmenschen  ist  dabei  etwas  gänzlich  Unbekanntes.  Jeder  verschlingt
sofort  was  er  findet  und  soviel  er  kann,  ohne  Rücksicht  auf  den  anderen.  Höchstens,
daß  reiche  Jagdbeute,  ein  ergiebiger  Fundplatz  von  Pflanzennahrung  für  eine  Zeit
das  ganze  Rudel  zu  gemeinsamem  Genusse  versammelt.  Von  organisierten  gesellschaftlichen ­
  Verbänden  findet  sich  kaum  eine  Spur,  es  ist  sogar  strittig,  ob  eine  dauernde  Gemeinschaft ­
  zwischen  Mann  und  Weib  besteht.  Die  engste  Verbindung  findet  sich  noch
zwischen  Mutter  und  Kind,  denn  bei  dem  herumschweifenden  Leben  ist  das  Kind  länger
als  sonst  auf  die  Nahrung  aus  der  Brust  oder  dem  Munde  der  Mutter  angewiesen,  die
es  auf  allen  Zügen  mit  sich  herumschleppt.  Gleichwohl  ist  auch  dieses  Verhältnis  locker
genug.  Kaum  zur  selbständigen  Nahrungssuche  fähig,  oft  schon  im  achten  oder  zehnten
Jahre  trennt  es  sich  von  der  Gemeinschaft.  Anderseits  sind  Kindestötungen  regelmäßige
Erscheinungen  und  leicht  erklärlich  durch  die  Hinderung,  die  das  Kleine  beim  Herumwandern ­
  bildet.  Aus  dem  gleichen  Grunde  werden  Alte  und  Kranke  häufig  getötet  oder
hilflos  verlassen.  Die  Schärfe  der  Sinne,  die  körperliche  Behendigkeit  und  Gewandtheit
sind  auf  das  äußerste  ausgebildet,  dagegen  entwickelt  sich  die  technische  Kunstfertigkeit  nur
äußerst  langsam  und  einseitig  und  beschränkt  sich  lange  Zeit  hindurch  auf  die  Herstellung
der  kunstlosen  Waffen  und  Werkzeuge.  Das  ganze  Dasein  des  Menschen  auf  dieser
Stufe  unterscheidet  sich  wenig  von  dem  tierischen  Zustande,  es  ist  ein  ruheloses  Wanderleben, ­
  ausgefüllt  von  steter  Nahrungssorge,  hingebracht  im  Wechsel  zügelloser  Schlemmerei,
wenn  ein  Glücksfall  reichlich  Nahrung  bringt,  und  äußerster  Not.
Die  Wirtschaft  der  höheren  Naturvölker.
Langsam  führt  von  dieser  untersten  Stufe,  wo  von  einer  Wirtschaft  überhaupt  nicht
die  Rede  sein  kann,  der  Weg  aufwärts  zu  höheren  Daseiusformen.  Dabei  wirkt  die
Scheidung  der  Thätigkeit  beider  Geschlechter,  die  wir  auf  der  niedrigsten  Stufe  beobachteten, ­
  noch  nach.  Die  Frau  mit  ihrem  Grabstocke  schreitet  vom  Sammeln  wildwachsender ­
  Früchte  und  Knollen  zum  Anbaue  von  Nahrungsgewächsen  vor,  wobei  allmählich ­
  die  kurzgestielte  Hacke  das  einfache  Gerät  der  Urzeit  ersetzt.  So  ist  der  Ackerbau
gewissermaßen  eine  weibliche  Erfindung.  Er  bleibt  auch  bei  den  meisten  vorgeschritteneren
Naturvölkern  Sache  der  Frau,  der  Manu  hilft  höchstens  beim  Roden  neuen  Landes.
Gebaut  werden  zumeist  Knollengewächse  —  auch  ein  Hinweis  auf  den  Ursprung  des  Acker
baues  vom  Wurzelgraben  —  Bananen,  Kürbisse,  Bohnen  und  die  verschiedenen  Getreidearten. ­
  Die  Felder  sind  klein,  in  Beete  geteilt,  gartenähnlich  gepflegt  und  zum  Schutze  gegen
wilde  Tiere  umhürdet.  Düngung  kommt  selten  vor,  eher  noch  Bewässerung.  Ist  der  Grund
erschöpft,  so  geht  man  einfach  weiter  und  rodet  ein  frisches  Stück  Land.  Vorräte  werden
nur  von  Getreide  gehalten  und  auch  da  nur  im  geringen  Umfange,  da  die  tropische  Sonne
mehrere  Ernten  im  Jahre  gestattet  und  die  Aufbewahrung  noch  Schwierigkeiten  macht.
Wo  die  Natur  der  gepflanzten  Gewächse  es  erlaubt,  z.  B.  bei  Bananen,  Wurzelund
  Knollengewächsen,  wird  auch  das  Feld  nicht  auf  einmal  abgeerntet,  sondern  Tag  für
Tag  genommen,  was  gerade  reif  ist  und  gebraucht  wird.  Auch  der  kleine  Umfang  der
Felder  erklärt  sich  daraus,  daß  man  nur  wenig  oder  gar  keine  Vorräte  sammelt.  Man
baut  nur  soviel,  als  man  innerhalb  kurzer  Zeit  verbrauchen  kann.  Pflug  und  Wagen,
sowie  der  Gebrauch  der  Zugtiere  sind  auf  dieser  Stufe  des  Ackerbaues  noch  unbekannte
Dinge,  daher  bezeichnet  man  sie  auch  zutreffend  als  die  Stufe  des  Hackbaues,  ein  Wirt ­
            
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