Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

2509 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel. 
vorfand. Kaiser Maximilian mußte sich den Kurfürsten Friedrich 
als einflußreichsten Wahlfürsten günstig gesinnt erhalten, und er 
mußte zugleich die Kurie zur Zulassung der Wahl bewegen. 
Das ergab in Sachen Luthers, dessen Gesuch der Kurfürst alsbald 
zu fördern bestrebt war, ein sehr einfaches Verfahren. Der 
Kurfürst war befriedigt, wenn für Luther das Gehör vor der 
päpstlichen Gesandtschaft in Augsburg erlangt ward; der Kurie 
war damit einigermaßen entgegengekommen und dennoch jener 
gefährliche Mönch nicht ausgeliefert, mit dem man ihr viel— 
leicht später, war sie nicht willfährig, drohen konnte. So ward 
Luther nach Augsburg vor die päpstliche Gesandtschaft citiert; 
zum erstenmal wirkten auf sein Schicksal, seine Person, seine 
Lehre politische Gesichtspunkte ein. Es waren dem Mönch 
völlig neue Zusammenhänge; ihr Wirken und ihr wiederholtes 
Auftreten mußte ihn, ein wie weltabgeschiedenes Gotteskind er 
auch war, dennoch von dem engeren Standpunkte bloßer Für— 
sorge für sein und seiner Gemeinde Seelenheil überleiten zu 
weiterer Umschau. Die nationalen Bewegungen, die Welt— 
vorgänge traten in seinen Gesichtskreis; der Reformator begann 
Politiker zu werden und Patriot. 
An der Spitze der päpstlichen Gesandtschaft, soweit sie 
für Luther in Betracht kam, stand der Kardinal Thomas de 
Vio von Gaeta, ein eifriger und liebenswürdiger Diplomat, 
ein nicht unbedeutender Theologe, ein Mann, der aufrichtig 
bestrebt war, die Deutschen zu verstehen, wie schwer es ihm 
auch wurde. Er empfing Luther zum erstenmal am 12. Oktober 
1518, nach dem Schlusse des Reichstags. Luther war ärm— 
lich, auf Schusters Rappen, nach Augsburg hinauf gewallt; 
in Nürnberg hatte er sich noch eine bessere Kutte borgen 
müssen, um würdig vor dem Kardinal zu erscheinen. Wohl 
niemals noch hatte er vor einem so hohen Kirchenfürsten ge— 
standen; er war schüchtern; Cajetan dagegen hatte sich nach 
Luthers Schriften auf eine andere Erscheinung gefaßt gemacht; 
er hatte beschlossen, sachlich fest und formell entgegenkommend 
zu sein, jede Erörterung aber zu vermeiden und von dem 
Mönch nur dreierlei unabweislich zu fordern: den Widerruf
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.