Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

892  Die  Weltwirtschaft.

wurde,  durch  kleine  Kolonialkämpfe,  Überfälle  und  Bombardements,  um  deren  Begründung
als  Maßnahmen  zur  Sicherung  des  friedlichen  Handels,  zur  Herstellung  geordneter  Zustände ­
  oder  zur  Hintanhaltung  feindlicher  Angriffe  gegen  die  alten  Grenzen  britischen
Gebietes  man  nicht  verlegen  war.  „Taschenkriege"  hat  Peez  diese  Kämpfe  treffend
genannt,  und  doch  war  der  Gewinn  Englands  aus  ihnen  ein  größerer,  als  der  Preis  der
blutigsten  Kriege,  welche  die  Festlandsvölker  in  diesem  Jahrhundert  unter  einander  geführt ­
  haben.  Sticht  nur  die  wertvollsten  Tropenländer,  sondern  auch  weite,  für  europäische
Ansiedelung  geeignete  Landstriche  gehören  zum  Riesenbesitz  des  britischen  Reiches.  An
allen  Küsten  hat  es  seine  Kriegshäfen  und  Flottenstationen,  die  wichtigsten  Straßen  des
Weltverkehrs  befinden  sich  in  seiner  Hand.
Den  zweiten  Platz  nimmt  Rußland  ein.  Es  umfaßt  in  Europa  und  Asien
22,ig  Millionen  Geviertkilometer,  das  ist  16,7°/ 0  der  bewohnten  Erdoberfläche,  mit
231  Millionen  Einwohnern,  und  unaufhaltsam  schiebt  es  die  Grenzen  seines  Einflußgebietes ­
  weiter  vor,  indem  es  Nordchina  einerseits,  Persien  anderseits  in  seinen  Machtkreis ­
  einzubeziehen  strebt.  Ihm  folgen  die  Nordamerikanische  Union  und  Frankreich  mit
seinen  Kolonien.  Erst  an  fünfter  Stelle  steht  Deutschland,  das  nach  der  Ausdehnung
und  Beschaffenheit  seines  Kolonialbesitzes  kaum  zu  den  „Größerstaaten"  zu  rechnen  ist
und,  wie  Schmoller  in  seiner  Flottenrede  jüngst  bemerkt  hat,  zusammen  mit  Frankreich
eine  Art  Mittelstellung  zwischen  den  großen  Erobernngs-  und  Kolonisierungsmächten  und
den  kleineren  Staaten  einnimmt.
Unleugbar  besteht  die  Gefahr,  daß  die  mitteleuropäischen  Staaten  von  den  großen
Reichen  im  Osten  und  Westen  mit  der  Zeit  gänzlich  überflügelt  und  auf  eine  Stellung
herabgedrückt  werden,  die  sie  zu  völliger  Bedeutungslosigkeit  verurteilt  und  auf  die
Gnade  ihrer  glücklicheren,  übermächtig  gewordenen  Konkurrenten  im  Kampfe  um  die
Weltherrschaft  anweist.  Schon  der  Überblick  über  den  mächtigen  Besitz  der  einzelnen
Staaten,  wie  er  aus  der  Größe  ihrer  Volkszahl  und  des  von  ihnen  beherrschten  Landes
sich  ergibt,  läßt  diese  Gefahr  erkennen.  Zum  vollen  Bewußtsein  kommt  sie  erst,  wenn
man  die  Zahlen,  die  den  Landbesitz  und  die  Volkszahl  der  einzelnen  Staaten  wiedergeben, ­
  gegenseitig  in  Beziehung  setzt  und  auch  die  Dichte  der  Bevölkerung,  das  ist  die
Zahl  der  ans  die  Flächeneinheit  durchschnittlich  entfallenden  Einwohner,  sowie  ihre  Bewegung ­
  (Größe  der  Zu-  und  Abnahme,  Ein-  und  Auswanderung)  in  Betracht  zieht.

Dichte  und  Bewegung  der  Bevölkerung  und  ihre  Bedeutung  für  das
Wirtschaftsleben.
Die  Dichte  der  Bevölkerung  ist  selbstverständlich  äußerst  verschieden.  Neben  den
dichten  Bevölkerungsgebieten  in  Süd-  und  Ostasien,  in  Europa  und  an  der  Ostküste  von
Nordamerika  finden  wir  weite  Striche  kaum  besiedelten  Landes.  Maßgebend  für  die
Dichte  der  Bevölkerung  sind  in  erster  Reihe  die  natürlichen  Verhältnisse:  Klima,  Bodenbeschaffenheit, ­
  Reichlichkeit  der  vorhandenen  Nahrungsmittel.  Je  fruchtbarer  der  Boden,
desto  dichter  ist  im  allgemeinen  die  Bevölkerung,  wenigstens  so  weit  es.  sich  um  Länder
mit  einfachen  Verhältnissen  handelt.  Die  außerordentlich  dichte  Bevölkerung,  die  China
und  Indien  aufweisen,  beruht  heute  noch  neben  der  Genügsamkeit  der  Bewohner  fast
ausschließlich  auf  der  Fruchtbarkeit  dieser  Länder,  die  einer  verhältnismäßig  großen  Volkszahl ­
  Unterhalt  gewährt.  Eine  Zunahme  der  Bevölkerung  über  die  Grenze  hinaus,  die
durch  die  Hervorbringung  des  eigenen  Landes  an  Nahrungsmitteln  gesteckt  ist,  hat  —  wenn
nicht  Massenauswanderung  oder  Hungersnot  eintreten  soll  —  zur  Voraussetzung,  daß
durch  Steigerung  der  Handelsthätigkeit  und  des  Gewerbefleißes  die  Mittel  beschafft
werden,  die  fehlenden  Nahrungsstoffe  von  auswärts  zu  beziehen.  Damit  ändern  sich  aber
auch  die  natürlichen  Vorbedingungen  für  das  weitere  Wachstum  der  Bevölkerung.  Die
günstige  Lage  zur  See  und  zu  den  Straßen  des  Welthandels,  das  reichliche  Vorhandensein
von  Naturschätzen  (wie  Erze,  Kohle,  Wasserkräfte),  die  kaufmännische  und  gewerbliche
Tüchtigkeit  der  Bewohner,  die  politische  Entwickelung  des  Landes  mit  ihrem  Einfluß  auf
            
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