Full text: Der Weltverkehr und seine Mittel

Dichte und Bewegung der Bevölkerung. 897 
hauptsächlich zurückzuführen ist. Das Lebensgewebe der Nation ist, wie Mayr sich aus 
drückt, in diesem Falle aus verhältnismäßig kürzeren Lebensfäden, aber in steigender 
Breite sich entwickelnd hergestellt. Die günstigste Entwickelungsform weisen jene Länder 
auf, welche bedeutende Geburtenüberschüsse bei geringer Sterblichkeit erzielen, wie Eng 
land, Holland, Belgien, die Schweiz und in neuerer Zeit auch das Deutsche 
Reich. Obwohl ihre Geburtenziffer zumeist weniger hoch ist als bei der zuletzt genannten 
Ländergruppe, weisen sie trotzdem zum Teil eine raschere Zunahme der Bevölkerung 
auf, weil die geringere Sterblichkeit die niedrigere Geburtenziffer mehr als aufhebt. Die 
Bevölkerungszunahme wird hier mit den geringsten Opfern an Kurzlebigen, namentlich 
durch eine geringere Kindersterblichkeit erzielt. So bildet diese Art der Bevölkerungs 
entwickelung gleichzeitig einen Beleg für die fortschreitend günstige Gestaltung 
der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Der enge Zusammenhang zwischen 
diesen und der Bevölkerungsbewegung tritt namentlich an dem Beispiele Deutschlands 
hervor. Während hier noch im Jahre 1875 auf 10 000 Einwohner 406 Geburten und 
276 Todesfälle entfielen — eine Ziffer, die ungefähr dem gegenwärtigen Zustande in 
Ungarn entspricht — ist seither unter dem Einflüsse der günstigen Entwickelung des 
deutschen Wirtschaftslebens die Geburtenziffer, in weit höherem Maße aber noch die Zahl 
der Sterbefälle heruntergegangen, so daß im Jahre 1897 auf 10 000 Einwohner nur 
mehr 360 Geburten und 213 Todesfälle entfielen. In der Zwischenzeit hat Deutschland 
den Übergang vom Agrarstaat zum Industriestaat vollzogen, die deutsche Volkswirt 
schaft hat sich zu ungeahnter Blüte entwickelt, der Volkswohlstand ist gestiegen, der 
Verdienst und die Lebenshaltung der arbeitenden Klassen eine bessere geworden. Die 
Folge davon war, daß der Arbeiter bei gesteigerten Ansprüchen an das Leben mit 
der Familiengründung vorsichtiger wurde, wodurch zwar die Geburtenziffer sank, aber 
gleichzeitig auch die Kindersterblichkeit infolge besserer Lebenshaltung eine Verminde 
rung erfuhr. 
Eine erhebliche Veränderung erfahren die Ergebnisse der natürlichen Bevölkeruugs- 
entwickelung durch die Wanderbewegung. Der Vergleich der oben mitgeteilten Zahlen 
über die durchschnittliche Zunahme der Bevölkerung in den europäischen Staaten und 
über die Ergebnisse der natürlichen Volksvermehrung zeigt, daß der Geburtenüberschuß 
die Bevölkerungszunahme zum Teil wesentlich übersteigt. Sie sind eben Auswanderungs 
länder, die von ihrem Bevölkerungszuwachse jährlich einen bedeutenden Teil an über 
seeische Länder abgeben. Die große Wanderbewegung über See ist eine in der Ge 
schichte verhältnismäßig neue Erscheinung. Das Altertum und das Mittelalter kannten 
im allgemeinen nur Stammeswanderungen zu Lande, Eroberungszüge ganzer Völker nach 
neuen Wohnsitzen. Nur einzelne Völker, wie die Griechen, Phönicier, Angelsachsen und 
Normannen gingen nach neuen Siedelungen über See, und auch diese entsprechend dem 
damaligen Stande der Schiffahrt nur nach verhältnismäßig nahe gelegenen Gebieten. 
Auch die großen Entdeckungen des 15. Jahrhunderts brachten hierin zunächst keine be 
deutende Änderung hervor; sie riefen nur den Kaufmann, den Schiffer, den Soldaten 
und Abenteuerer über das Meer in die neuen Gebiete. Erst im 17. Jahrhundert beginnt 
eine Auswanderung nach Nordamerika in größerem Umfange. Schmoller schätzt für diese 
Zeit die Zahl der außerhalb Europas ansässigen Menschen europäischer Rasse auf höchstens 
eine Million. Von da ab beginnt jedoch infolge des raschen Wachstums der Bevölkerung 
in Europa bei teilweise unbefriedigenden wirtschaftlichen Verhältnissen in der Heimat und 
infolge der Fortschritte im Verkehrsleben eine neue Wanderbewegung, die bald einen 
großartigen Umfang annimmt. Für das 19. Jahrhundert wird die Zahl der aus Europa 
Ausgewanderten mit ziemlicher Sicherheit auf rund 20 Millionen geschätzt. Die Zahl 
der in fremden Weltteilen ansässigen Europäer, für die selbstverständlich auch die natür 
liche Vermehrung der in den neuen Ländern Angesiedelten in Betracht kommt, wird für 
1890 mit etwa 91 Millionen veranschlagt. Im Jahre 2000 dürfte sie, eine gleich 
starke Bolkszunahme vorausgesetzt, etwa 500—600 Millionen betragen. Mit Recht sagt 
daher Schmoller: „Die Thatsache, daß in Europa und draußen 900 bis 1200Millionen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.