fullscreen: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Die Komplizierung der menschlichen Motive durch die Arbeitstetlung. 363 
stellung der Bedarfsdeckung wirken noch mit, aber müssen auf komplizierte Umwege sich 
begeben; es muß sich ein vielgestaltiges Lock- und Zwangssystem ausbilden, wobei Lohn 
und Gewinn, Ehre, Freude am technischen Erfolge, Furcht und Zwang zusammenwirken. 
Alles individuelle Leben, seine Gestaltung, die ganze Lebensführung wird jetzt von dem 
eingangs erwähnten Kompromiß von unveräußerlichen Eigenzwecken und gesellschaftlichen 
Aufgaben und Pflichten, von Zwecken, die dem einzelnen zunächst nicht als die seinen 
erscheinen, beherrscht; für solche thätig zu sein, ist schwer zu erlernen; der natürliche 
Mensch sträubt sich dagegen, wenn er nicht viel gewinnt. Und wird ihm das gestattet, 
so geht er leicht über die Grenze, mißhandelt die Schwächeren. Alle Moral, alle 
Pflichtenlehre muß eine andere, kompliziertere werden; alle Erwerbs- und Gewinnarten 
müffen erst in Recht und Sitte, im Gefühl und in der Moral ihre rechten Schranken 
erhalten. Es ist vielleicht die größte moralisch-pfychologische Aufgabe, vor die die 
Menschheit so gestellt ist. 
Alle socialen Institutionen, durch welche die Arbeitsteilung allein wirken kann, 
sind abhängig von dem jeweiligen Stande dieses pfychologisch-historischen Prozesses; nur 
große geistige und moralische Fortschritte können ihn so gestalten, daß die Arbeitsteilung 
als rein segensreich sich darstellt. Alle Institutionen der Gesellschaft müssen nun so 
beschaffen sein, daß sie nicht bloß dem Bedürfnifse des Tages, dem heutigen Stande der 
Arbeitsteilung entsprechen, sondern so, daß sie auch diesen psychologischen Umbildungs⸗ 
prozeß richtig fördern. Wie schwierig ist das! Wie leicht kann aus der fortschreitenden 
Arbeitsteilung deshalb da und dort mehr Reibung und Kampf, mehr Verwirrung und 
Druck als vollendete Vergesellschaftung entspringen. — 
Fassen wir das über die Ursachen und Bedingungen der Arbeitsteilung Gesagte 
nochmal zusammen, und vergleichen wir unsere Auffassung mit der älteren, so leiten wir 
sie in erster Linie aus den geistigen und technischen Fortschritten ab, die mit dichterer 
Bevölkerung in größeren Staaten unter dem harten Drucke des Daseinskampfes ent— 
standen; wir begreifen sie als den elementar notwendigen gesellschaftlichen Anpassungs— 
und Differenzierungsprozeß, der stets auf eine höhere Form der Vergesellschaftung hin— 
zielt, aber nur unter der Bedingung besserer Moral, vollendeterer gesellschaftlicher Or— 
ganifationen und Rechtsformen dies Ziel erreichen kann. 
Die manchesterliche Nationalökonomie betrachtete von ihrem technologisch-individua— 
listischen Standpunkte aus die Arbeitsteilung als eine Art Wunderwerk, als eine prä— 
stabilierte Harmonie, in die sich die selbständig und isoliert gedachten Individuen un— 
bewußt oder gelockt durch die Vorteile des Tauschverkehrs gleichsam willenlos einfügen. 
Der Socialismus von Marx sah nur in der Despotie des Dorfpatriarchen, des Werkstatt— 
vorstehers, des großen Fabrikanten eine vernünftige, weil von oben geleitete Arbeits— 
teilung, in allen anderen Teilen derselben eine Anarchie, in der nur Zufall und Willkür 
ihr Spiel treiben, und die Marktwerte vergeblich sich abmühen, das Gleichgewicht zwischen 
den gesellschaftlichen Arbeitszweigen herzustellen. Während jene ältere manchesterliche 
Auffassung unbedingte Freiheit und Willkür, diese jüngere socialistische von Marx centra— 
listischen Despotismus für die Durchführung aller Arbeitsteilung verlangte, sind sie 
beide das Produkt einer gänzlich unhistorischen, atomistischen und materialistischen Ge— 
sellschaftsauffassung. Die Arbeitsteilung ist weder ein absolut harmonischer, noch ein 
ganz anarchischer, sondern sie ist ein gesellschaftlicher Prozeß, der in der Einheit von 
Sprache, Gedanken, Bedürfnissen und moralischen Ideen seine Grundlage, in der Einheit 
von Sitte, Recht und Verkehrsorganisation seine Stützen hat. Sie ist ein Schlachtfeld, 
auf dem der Kampf um die Herrschaft und der Irrtum ihre Spuren hinterlassen, aber 
sie ist zugleich eine Friedensgemeinschaft mit zunehmender sittlicher Ordnung. Die Fort— 
schritte der Technik, des Verkehrs, der Bevölkerung rütteln täglich an dem bestehenden 
Systeme der Arbeitsteilung; je komplizierter das ganze System ist, je rascher es sich 
ändert und vergrößert, desto leichter kann ein einseitiges Wachsen an dieser oder jener 
Stelle und damit eine zeitweise Inkongruenz der arbeitsteilig auf einander angewiefsenen 
Teile eintreten. Nur ein Thor könnte leugnen, daß zeitweise recht ungesunde parasitische 
Mittelglieder sich in den vielgliedrigen Mechanismus der arbeitsteiligen Gesellschaft
	        
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