Erzeugung und Verbrauch der Jndustrieprodukte sowie der Rohstoffe. 937
Die Verarbeitung von Flachs zu Garnen und Geweben war im 15. und 16. Jahr
hundert in Deutschland zur höchsten Blüte gediehen. Durch den Dreißigjährigen Krieg
fast vernichtet, blühte sie später zwar wieder von neuem auf, vermochte aber den Vor
sprung nicht mehr einzuholen, den mittlerweile Frankreich und England gewonnen hatten,
um so mehr, als diese Länder früher zum maschinellen Betriebe übergingen als Deutsch
land. Übrigens ist die Handweberei in der Leinenindustrie noch keineswegs so weit
zurückgedrängt wie in der Baumwollindustrie. Manche Artikel werden mit Hilfe des Hand
webstuhls noch vorteilhafter hergestellt, und auch wo dies nicht der Fall ist, führt der
hausindustrielle Handweber unter Not und Entbehrungen, bei maßloser Arbeitszeit und
den niedrigsten Löhnen den Kampf gegen die Maschine weiter, freilich ohne Aussicht
auf Erfolg.
Den Umfang der Leinenindustrie in den einzelnen Staaten kennzeichnen folgende
Angaben über die Zahl der Spindeln und Webstühle im Jahre 1894:
Spindeln
Mechanische
Stühle
Handstühle
Großbritannien
1 500 000
56 000
Frankreich
520 000
16 400
20 000
Deutschland
340 000
16 400
75 000
Österreich-Ungarn....
320 000
4 000
60 000
Belgien
260 000
4 000
—
Rußland
210 000
3 100
45 000
Italien
75 000
700
6 000
Spanien
32 000
5 900
12 000
Schweiz
11 000
—
—
Holland
8 000
1200
—
Schweden
6 000
200
—
Die Hanferzeugung leidet vielfach unter ähnlichen Verhältnissen wie der Flachs
bau. Das wichtigste europäische Produktionsgebiet für Hanf ist Rußland, das etwa
122 000 t erzengt; ihm , zunächst kommen Italien mit 79 000, Ungarn mit 47 000,
Frankreich mit 37 000, Österreich mit 26 000 und das Deutsche Reich mit 10 000 t.
Die Welternte an Hanf wird auf 340 600 t geschätzt.
Eine überlegene Konkurrenz ist dem europäischen Hanfbau durch die seit den 60 er
Jahren von den Philippinen eingeführte Faser des Manilahanfes erstanden. Diese
Einfuhr betrug im Jahre 1871 erst 29, im Jahre 1891 bereits 71 Millionen kg.
Ein zweites Ersatzmittel für Hanf bildet die Jute, namentlich für grobe Webwaren
wie Säcke und Gurten und für die Bindfadenerzeugung. Teilweise ist die Jute, so z. B. bei
der Erzeugung von Möbelstoffen, auch an die Stelle von Lein und Wolle getreten. Für
die Erzeugung von Jute kommt fast ausschließlich Bengalen in Betracht, wo in neuerer
Zeit auch eine bedeutende Juteindustrie sich entwickelt hat, welche Jutegarn und Jute
webwaren bereits in erheblichen Mengen nach Europa ausführt.
Seide. Die Gewinnung von Rohseide hat in Europa trotz vielfacher anderweitiger
Versuche nur in den südlichen Ländern eine Heimat gefunden. Obenan steht Italien,
das einzige europäische Produktionsgebiet, das eine den eigenen Bedarf übersteigende
Erzeugung von Rohseide aufweist. Seine jährliche Mehransfuhr hat einen Wert von
rund 200 Millionen Lire. Zunächst folgt Südfrankretch, wo der Seidenbau neuestens
wieder an Umfang gewinnt, nachdem durch Pasteur ein Mittel zur Bekämpfung der
Seidenraupenkrankheit gefunden worden war. Ferner wird der Seidenbau in nennens
wertem Umfange noch in Südtirol, den österreichischen Küstenlanden, Südungarn, den
Balkanländern und Spanien betrieben. Im europäischen Rußland ist die Seidenzucht
ohne Bedeutung; dagegen ist sie in Kaukasien und Turkestan neuestens im raschen Empor-
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