Full text: Der Weltverkehr und seine Mittel

Der Welthandel. 945 
der Einfuhr über die Ausfuhr 1,33, in Frankreich 0,78 Milliarden Mark. Die Ursache 
dieser Erscheinung liegt darin, daß in all den genannten Ländern die Mehreinfuhr an 
Nahrungsmitteln und an Rohstoffen der Industrie höhere Beträge ausmacht als die 
Mehrausfuhr an Jndustrieerzeugnissen. 
Fassen wir, um Ursache und Wirkung dieser Erscheinung näher zu beleuchten, 
im besonderen den Handel Deutschlands ins Auge, so ergibt sich nach den Berechnungen 
Voigts*), die wir der nachfolgenden Darstellung zu Grunde legen, für das Jahr 1898 
an Erzeugnissen des Ackerbaues eine Mehreinfuhr von rund 1050bis 1060 Will.Mark; 
davon entfallen 604 Millionen ans Getreide, rund 50 Millionen auf vegetabilische Spinn 
stoffe, die auch von der europäischen Landwirtschaft erzeugt werden, wie Flachs und 
Hanf, 255 auf frisches und zubereitetes Obst, Sämereien, Futter- und Küchengewächse, 
Kartoffeln, Ölfrüchte u. s. w., 20 auf Wein, 117 endlich auf Abfälle und Düngstoffe. 
Auch die Viehzucht weist bedeutende Fehlbeträge auf. An Pferden machte die Mehr 
einfuhr 82,2, an lebendem Vieh, Fleisch und tierischem Fett 207,3 Millionen Mark aus; 
außerdem wurden Käse und Butter für 25,9, Wolle für 241,8 Millionen oder einschließlich 
der Mehreinfuhr von Wollgarn für 290 Millionen, Felle und Häute für 105 Millionen, 
andere tierische Produkte, wie Hörndr, Knochen, Pelze u. s. w. für 45 Millionen, Geflügel, 
Eier und Federn für rund 185 Millionen mehr eingeführt als ausgeführt, so daß sich 
kür das Jahr 1898 ein Gesamtfehlbetrag der Viehzucht von 900 Millionen Mark ergibt. 
Auf dem Gebiete der Forstwirtschaft steht einer eigenen Produktion von Holz im 
Werte von 490 Millionen Mark ein Einfnhrsüberschuß von 300 Millionen Mark gegen 
über. Hierzu kommen noch 40 bis 50 Millionen für künstliche Düngstoffe, namentlich 
Chilisalpeter, und rund 100 Millionen für Tabak (gegenüber einer deutschen Tabak 
ernte von etwa 30 Millionen Marks, so daß der durch die Einfuhr zu deckende Fehl 
betrag an land-und forstwirtschaftlichen Erzeugnissen im Jahre 1898 rund 2 J / a Milliarden 
Mark ausmachte. Das Verhältnis zwischen der eigenen Erzeugung Deutschlands an land 
wirtschaftlichen Produkten und dem durch die Einfuhr gedeckten Fehlbeträge gestaltet sich 
folgendermaßen: 
Eigene Erzeugung Einfuhr 
Ackerbau . . . 2500 Millionen Mark 1050—1200*") Millionen Mark, 
Viehzucht . . . 4000 „ „ 900 „ „ 
Forstwirtschaft. . 500 „ „ 300— 330 „ 
Zusammen 7000 Millionen Mark 2250—2530 Millionen Mark. 
Mehr als ein Viertel unseres Bedarfes an landwirtschaftlichen und 
forstwirtschaftlichen Erzeugnissen wird daher durch die ausländische Zufuhr 
gedeckt. Dabei ist dieser Bedarf in fortwährendem Wachsen begriffen. Die einheimische 
Landwirtschaft vermag, wenn man die jetzige Art der Ernährung zu Grunde legt, eine 
nicht agrarische Bevölkerung von etwa 22 Millionen zu erhalten; mehr als 14 Millionen 
Menschen sind heute schon in Deutschland für die einheimische Landwirtschaft zu viel 
vorhanden, sie sowie der weitere Bevölkerungszuwachs sind zur Deckung ihres Bedarfes 
an Nahrungsmitteln auf die ausländische Zufuhr angewiesen. Dabei ist es ein Glück 
für Deutschland, daß es bis jetzt trotz der herrschenden Agrarkrisis seine landwirtschaft 
liche Erzeugung in ziemlich unvermindertem Umfange aufrecht zu erhalten vermochte; 
hätte es ebenso wie England seine Landwirtschaft geopfert, so würde es seine Einfuhr 
an landwirtschaftlichen Erzeugnissen auf sieben Milliarden, seine Gesamteinfuhr auf zehn 
Milliarden steigern müssen: einen größeren Betrag, als Großbritannien jetzt überhaupt 
an Waren aller Art einführt. Die Schwierigkeit, für eine so ungeheuer gewachsene Ein 
fuhr durch Fabrikatenausfuhr und auswärtige Kapitalsanlagen den Gegenwert zu schaffen, 
*) „Deutschland und der Weltmarkt" in: Handels- und Machtpolitik, Reden und Aufsätze 
im Aufträge der „Freien Bereinigung für Floitenvorträge" herausgegeben von Gustav Schmoller, 
Max Sering. Adolph Wagner. Stuttgart 1900. I. G Cotta'sche Buchhandlung Nachf. 
**) Die höhere Zahl ergibt sich durch Einrechnung der künstlichen Düngstoffe und des Tabaks. 
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