England, Kanalbrücke oder Kanaltunnel. Griechenland.
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Seereise angewiesen sind, um zu dem kontinentalen Bahunctz zu gelangen, ist freilich keine
unbedingte Naturnotwendigkeit. Die englische und die französische Küste kommen einander
nahe genug, daß eine Schiffsverbindung, die ja immer wesentlich langsamer, unsicherer
und umständlicher als eine Bahnverbindung ist, nicht als unvermeidlich bezeichnet werden kann.
Der Ärmelkanal mit seiner geringsten Breite von 33 Irin und seiner Tiefe von nur meist unter
50 rn würde unsrer Technik keine unbczwinglichcn Aufgaben stellen, wenn man ernstlich daran
ginge, ihn mit einer Brücke zu überspannen oder besser zu untertunneln. Tatsächlich ist ja auch seit
mehr als 50 Jahren sowohl das Projekt der Kanalbrücke, die freilich ungebührlich teuer
werden müßte, wie der sehr viel billigere und durchaus rentable Plan des Kanaltunncls
immer wieder und wieder erörtert worden, aber obwohl speziell der Kanaltunnel mehr
fach dicht vor seiner Verwirklichung zu stehen schien, ist der Gedanke bis heute an der etwas
kindlich anmutenden Angst der Engländer gescheitert, daß eine solche „feste Verbindung"
zwischen Dover und Calais einen feindlichen Einfall seitens der Franzosen oder gar der
viel mehr gefürchteten „clamned Germans“ begünstigen könnte! Diese törichte Besorg
nis des „Dreadnought-Volkes" hat es tatsächlich bewirkt, daß noch heut die Verbindung
zwischen England und dem Kontinent in bezug auf Schnelligkeit nicht entfernt dem ent-
848. Projekt einer Brücke über den Ärmelkanal.
spricht, was im Zeitalter des zwanzigsten Jahrhunderts geleistet werden könnte. Trotz all der
wunderbaren Einrichtungen auf den verschiedenen Schiffsverbindungen über den Kanal, trotz
der im allgemeinen sehr großen Pünktlichkeit, mit der die Fahrten zurückgelegt werden,
steht der Schnellverkehr Englands mit dem übrigen Europa durchaus nicht ganz auf der
Höhe der Zeit, aber es ist nicht abzusehen, wann der bestehende Zustand einmal in durch
greifender Weise geändert werden wird. Nur allenfalls mit der Einrichtung eines Trajekt
verkehrs über den Ärmelkanal wird man vielleicht in absehbarer Zeit rechnen können.
Daß hingegen Griechenlands Eisenbahnnetz bis zu unseren Tagen »och keinen
Anschluß an die übrigen Schienenwege gefunden hat, ist eine Wirkung einer ganzen Reihe
von störenden Einflüssen, unter denen die Lässigkeit der benachbarten Türkei im Ausbau
ihrer Linien und strategische Besorgnisse die wichtigste Rolle spielen. Immerhin ist damit
zu rechnen, daß in einigen Jahren ein solcher Bahnanschluß, vielleicht sogar schließlich an
mehreren Stellen, zustande kommen wird.
Ein drittes europäisches Reich, das durch seine geographische Lage vom Bahnanschluß
an die großen Verkehrslinien Mitteleuropas fast noch gründlicher abgeschnitten ist als Eng
land, hat sich dennoch unter den obwaltenden Umständen eine Bahnverbindung mit Mittel
und Westeuropa geschaffen, die unter den obivaltenden Umständen als vollwertig bezeichnet wer
den muß, nämlich Skandinavien und mit ihm die dänischen Inseln, also der wichtigste
Teil Dänemarks. Daß Skandinavien im Norden mit dem übrigen Europa zusammenhängt,
ist natürlich verkehrsgeographisch ohne Bedeutung, ganz abgesehen davon, daß ein