Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

England,  Kanalbrücke  oder  Kanaltunnel.  Griechenland.

9591.

Seereise  angewiesen  sind,  um  zu  dem  kontinentalen  Bahunctz  zu  gelangen,  ist  freilich  keine
unbedingte  Naturnotwendigkeit.  Die  englische  und  die  französische  Küste  kommen  einander
nahe  genug,  daß  eine  Schiffsverbindung,  die  ja  immer  wesentlich  langsamer,  unsicherer
und  umständlicher  als  eine  Bahnverbindung  ist,  nicht  als  unvermeidlich  bezeichnet  werden  kann.
Der  Ärmelkanal  mit  seiner  geringsten  Breite  von  33  Irin  und  seiner  Tiefe  von  nur  meist  unter
50  rn  würde  unsrer  Technik  keine  unbczwinglichcn  Aufgaben  stellen,  wenn  man  ernstlich  daran
ginge,  ihn  mit  einer  Brücke  zu  überspannen  oder  besser  zu  untertunneln.  Tatsächlich  ist  ja  auch  seit
mehr  als  50  Jahren  sowohl  das  Projekt  der  Kanalbrücke,  die  freilich  ungebührlich  teuer
werden  müßte,  wie  der  sehr  viel  billigere  und  durchaus  rentable  Plan  des  Kanaltunncls
immer  wieder  und  wieder  erörtert  worden,  aber  obwohl  speziell  der  Kanaltunnel  mehrfach ­
  dicht  vor  seiner  Verwirklichung  zu  stehen  schien,  ist  der  Gedanke  bis  heute  an  der  etwas
kindlich  anmutenden  Angst  der  Engländer  gescheitert,  daß  eine  solche  „feste  Verbindung"
zwischen  Dover  und  Calais  einen  feindlichen  Einfall  seitens  der  Franzosen  oder  gar  der
viel  mehr  gefürchteten  „clamned  Germans“  begünstigen  könnte!  Diese  törichte  Besorgnis ­
  des  „Dreadnought-Volkes"  hat  es  tatsächlich  bewirkt,  daß  noch  heut  die  Verbindung
zwischen  England  und  dem  Kontinent  in  bezug  auf  Schnelligkeit  nicht  entfernt  dem  ent-848.

  Projekt  einer  Brücke  über  den  Ärmelkanal.

spricht,  was  im  Zeitalter  des  zwanzigsten  Jahrhunderts  geleistet  werden  könnte.  Trotz  all  der
wunderbaren  Einrichtungen  auf  den  verschiedenen  Schiffsverbindungen  über  den  Kanal,  trotz
der  im  allgemeinen  sehr  großen  Pünktlichkeit,  mit  der  die  Fahrten  zurückgelegt  werden,
steht  der  Schnellverkehr  Englands  mit  dem  übrigen  Europa  durchaus  nicht  ganz  auf  der
Höhe  der  Zeit,  aber  es  ist  nicht  abzusehen,  wann  der  bestehende  Zustand  einmal  in  durchgreifender ­
  Weise  geändert  werden  wird.  Nur  allenfalls  mit  der  Einrichtung  eines  Trajektverkehrs ­
  über  den  Ärmelkanal  wird  man  vielleicht  in  absehbarer  Zeit  rechnen  können.
Daß  hingegen  Griechenlands  Eisenbahnnetz  bis  zu  unseren  Tagen  »och  keinen
Anschluß  an  die  übrigen  Schienenwege  gefunden  hat,  ist  eine  Wirkung  einer  ganzen  Reihe
von  störenden  Einflüssen,  unter  denen  die  Lässigkeit  der  benachbarten  Türkei  im  Ausbau
ihrer  Linien  und  strategische  Besorgnisse  die  wichtigste  Rolle  spielen.  Immerhin  ist  damit
zu  rechnen,  daß  in  einigen  Jahren  ein  solcher  Bahnanschluß,  vielleicht  sogar  schließlich  an
mehreren  Stellen,  zustande  kommen  wird.
Ein  drittes  europäisches  Reich,  das  durch  seine  geographische  Lage  vom  Bahnanschluß
an  die  großen  Verkehrslinien  Mitteleuropas  fast  noch  gründlicher  abgeschnitten  ist  als  England, ­
  hat  sich  dennoch  unter  den  obwaltenden  Umständen  eine  Bahnverbindung  mit  Mittelund ­
  Westeuropa  geschaffen,  die  unter  den  obivaltenden  Umständen  als  vollwertig  bezeichnet  werden ­
  muß,  nämlich  Skandinavien  und  mit  ihm  die  dänischen  Inseln,  also  der  wichtigste
Teil  Dänemarks.  Daß  Skandinavien  im  Norden  mit  dem  übrigen  Europa  zusammenhängt,
ist  natürlich  verkehrsgeographisch  ohne  Bedeutung,  ganz  abgesehen  davon,  daß  ein
            
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