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Kleinere neue Bahnbauten von Bedeutung.
Unter den. übrigen größeren Gebirgen Europas, soweit sie zwei Nachbarreiche von
einander trennen, erweisen sich viele, trotz verhältnismäßig geringer Höhe und Ausdehnung,
für die Abwickelung des Verkehrs als ein größeres Hindernis denn die Alpen. So wird
vor allein Spanien durch die Pyrenäen noch in sehr unangenehm fühlbarer Weise am
Verkehr mit dem übrigen Europa behindert, obwohl gerade an den beiden Enden des
Gebirges die niedrigeren Küstenstreifen dem Eisenbahnstrang den Durchgang ge
statten. Tie eigentlichen Pyrenäen sind jedoch noch nicht überschient, obwohl schon seit
vielen Jahrzehnten Projekte hierfür in reichlicher Fülle auftauchten. Zwischen den drei
Strecken Olsron—Jaca, St.Hirons—Lerida und Ar les Thermes—Ripoll schwankt die Ent
scheidung, die um so länger ans sich warten lassen dürfte, als ernsthafte strategische Be
denken die Spanier veranlassen, sich mehr als lau gegen den Plan zn verhalten und die
Fertigstellung keineswegs zu beschleunigen.
Fast genau in gleicher Weise wie die Pyrenäen wirken im Verkehr zwischen Frankreich
und Deutschland die Vogesen, die freilich nur einen Teil der langgezogenen Grenze der
beiden Nachbarreiche bedecken. Auch die Vogesen sind bisher an keiner Stelle von der
Schiene bezwungen worden, wobei wieder strategische Bedenken beider Teile das Haupt
hindernis abgaben. Projekte für eine Trans-Vogesenbahn sind freilich wieder vorhanden
und knüpfen vor allem an die Strecke Mülhausen—Alt-Münsterol—Belfort an.
Das sächsische Erz- und Elbsandsteingebirge samt dem Böhmerwald würden
zwischen Deutschland und Österreich eine ebenso wirksame Schranke, wie die Vogesen, errichtet
haben, wenn nicht der Durchbruch der Elbe durchs Elbsandsteingebirge eine breite und be
queme natürliche Pforte geöffnet hätte, die demnach auch zn den verkehrsreichsten Punkten ganz
Deutschlands gehört. Außer an dieser Stelle läuft keine Bahn durch die Gebirgsmanern,
die Anspruch auf größere Bedeutung für den Weltverkehr erheben kann; doch wird neuerdings
eine Strecke Chemnitz—Annabcrg—Wcipert—Karlsbad mit einem Tunnel durch den Keil
berg, den höchsten Berg des Erzgebirges, ernstlich geplant. — Österreich-Ungarn ist auch
an anderen Stellen, insbesondere im Süden, durch bergige Länder von seinen Nach-
barreicheü geschieden. Es hätte daher noch an mancherlei gebirgsdurchbrcchenden Bahnen,
von denen hier vor allem die sogenannte Tonan-Adriabahn auf der einen Seite,
die Sands chakb ahn Sarajevo—Novipazar—Mitrovitza und die Roten turmbahn zwischen
Ungarn und Rumänien im Osten genannt sei, ein dringendes Interesse, an dem auch die
verschiedenen kleineren Balkanstaaten nachdrücklich beteiligt sind. Ta es sich hier aber durch
weg um noch schwebende Projekte handelt, sei an dieser Stelle nicht weiter darauf ein
gegangen.
Rußland ist auf europäischem Boden fast nirgends durch größere Gebirge von seinen
Nachbarstaaten getrennt. Nur im Süden erhebt sich, nahe der türkisch-persischen Grenze,
der gewaltige Kaukasus und bildet zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer
eine fast unbezwingliche Mauer, die, wie die Pyrenäen, bisher eine gänzliche Ver-
kehrSscheide sein würde, wenn nicht im äußersten Osten, in der Gegend von Baku, eine
Umgehung möglich gewesen wäre. Jetzt ist freilich auch eine Transkaukasusbahn
anscheinend endgültig in Aussicht genommen, die Wladikawkas und Tiflis in ziemlich ge
rader Linie miteinander verbinden und am Col d'Archote in einer Meereshöhe zwischen
1296 und 1350 in in einem Riesentunnel von 23 1 / 2 km Säuge das Gebirge durchbrechen
soll. — Im übrigen ist Rußland, trotz der vorwiegend ebenen und für Eisenbahnlinien
trefflich geeigneten Beschaffenheit seiner Grenzgebiete in Europa, durch weniger Schienen
stränge als irgendeine der anderen Großmächte mit seinen Nachbarländern verbunden. Es
hat eine stark ausgeprägte und für viele Fälle ziemlich unverständliche Scheu vor guten
Bahnverbindungen nach dem Ausland, wobei wieder zumeist strategische Bedenken die ver
kehrshemmende Wirkung Hervorrufen. Hat es doch nicht zum wenigsten aus militärischen
Rücksichten seine große Spurweite fl,624 m) gewählt, die im Kriegsfälle feindlichen Bahnen
einen Übergang auf russisches Gebiet vereitelt, die aber dafür auch im Frieden, zusammen
mit den sonstigen berüchtigten Zoll- und Paßschwicrigkeiten der Russen, für den Verkehr
sehr lästige Verzögerungen mit sich bringen. Auch die Zahl der Grenzübcrgänge der