Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

Gebirgsbahnen  in  Europa  und  Asien.  959  p
russischen  Eisenbahnen  entspricht  nicht  den  Anforderungen,  die  einer  Knlturmacht  im
20.  Jahrhundert  angemessen  sind.  Gibt  es  doch  z.  B.  nördlich  von  Eydtkuhnen-Wirballen
keinen  Bahnübergang  über  die  russische  Grenze!
Tie  beiden  skandinavischen  Reiche  Schweden  und  Norwegen  sind  voneinander,
>vie  bekannt,  ebenfalls  durch  ein  Tausende  von  Kilometern  langes  Grenzgebirge  wildester
Art  getrennt,  das  sich  bis  jetzt  gleichfalls  als  ein  äußerst  fühlbares  Verkehrshemmnis  erwiesen
hat  und  verbindende  Bahnen  an  den  meisten  Stellen  unmöglich  macht.  Norwegen  ist  für  seinen
Verkehr  überwiegend  noch  auf  den  Seeweg  angewiesen  und  würde  es  vollständig  sein,  wenn
nicht  im  Süden  an  der  Küste  die  Linie  Christiania—Gotenburg  eine  wichtige  Verbindung
geschaffen  hätte.  Tie  übrigen  wichtigsten  Städte  tut  südlichen  Norwegen,  vor  allem  Bergen
imb  Trontheim,  hatten  dagegen  bis  in  die  neuere  Zeit  keinen  Eisenbahnanschlnß  an  das
übrige  Europa,  und  erst  durch  die  1910  eröffnete  großartige  Bahn  zwischen  Christiania
und  Bergen  ist  diesem  Zustand  ein  Ende  gemacht  worden.  —  Außerdem  ist  aber  noch
an  einer  weiteren  Stelle,  hoch  im  Norden,  seit  einigen  Jahren  das  trennende  Gebirge
durch  eine  Bahn  überwunden  worden,  die  zu  den  eigenartigsten  und  landschaftlich  reizvollsten
von  ganz  Europa  gehört.  Es  ist  dies  die  sogenannte  Ofotenbahn,  die  nördlichste  Eisenbahn ­
  der  ganzen  Erde,  die  vom  schwedischen  Ostseehafen  Luleä  und  dem  berühmten  Erzbezirk ­
  von  Gellivare  seit  1907  nach  dem  hoch  jenseits  des  Polarkreises  gelegenen  norwegischen
Hafen  Narvik  läuft.  Der  ursprüngliche  Zweck  der  Bahn  war  die  leichtere  Heranführung
der  Erzschätze  Nordschwedens  ans  Weltmeer;  die  Linie  hat  sich  aber,  da  sie  mit  Stockholm
in  Verbindung  steht,  auch  als  ein  Anlockungsmittcl  ersten  Ranges  für  den  Touristenverkehr
erwiesen,  was  kein  Wunder  ist,  da  die  großartige  nordische  Gebirgsnatur  nirgends  leichter
zugänglich  ist.
In  Asien  sind  die  nächst  der  Transsibirischen  Linie  wichtigsten  Bahnen  zumeist  im
Osten  entstanden.  In  China  ist  die  sogenannte  Jangtse-Bahn  am  21.  Juni  1912  dem
Betrieb  übergeben  worden,  die  eine  Verbindung  zwischen  Peking  und  Schanghai  schafft.
Sie  läuft  von  Tientsin  über  Tsinanfu  zur  Mündung  des  Jangtsekiang  und  erhält  in  Tschinkiang
  durch  eine  bereits  bestehende  Bahn  Anschluß  nach  Schanghai  und  Nanking.  Ter  nördliche ­
  Teil  der  Jangtse-Bahn  ist  von  deutschen,  der  südliche  von  britischen  Unternehmern  im
Auftrag  der  chinesischen  Regierung  auf  Grund  eines  Vertrages  vom  13.  Januar  1908
gebaut  worden;  sie  ist  die  erste  Bahn,  die  den  Norden  und  den  Süden  Chinas  miteinander
verbindet.  In  Tsinanfu  erreicht  die  Jangtse-Bahn  das  bisher  blind  endende  Stück  der  von
der  deutschen  Schantung-Gesellschaft  hauptsächlich  für  bergbauliche  Zwecke  ins  Leben  gerufenen, ­
  am  16.  März  1904  dem  Betrieb  übergebenen  Schantung-Bahn,  die  ihren  Endpunkt ­
  am  Meer  im  deutschen  Tsingtau  am  Hafen  von  Kiautschou  finvet.  Durch  die  Jangtse-Bahn
  hat  demnach  Kiautschou  eine  Bahnverbindung  mit  Peking  und  weiterhin,  durch  die
Mandschurei,  mit  Sibirien  und  sogar  mit  Europa  erhalten.  —  Eine  weitere,  noch  wichtigere
Bahn,  die  den  Norden  und  den  Süden  Chinas  in  engere  Beziehung  zueinander  bringen
soll,  entsteht  zwischen  Peking  und  Kanton.  Es  ist  die  chinesische  Zentralbahn,  die  den
Hoangho  bei  Kaiföng,  den  Jangtsekiang  bei  Hankou  kreuzt.  Das  nördliche  Stück  bis  Hankou
  wurde  1897  einer  belgisch-französischen  Gruppe  konzessioniert  und  am  11.  Juni  1905
eröffnet;  das  südliche  Stück  Hankou-Kauton  hingegen  wurde  zwar  auch  schon  1898  eineramerikanischen
  Gesellschaft  konzessioniert,  ist  aber  infolge  sehr  unwürdiger  Intrigenspiele
der  einzelnen  auf  jeden  Nebenbuhler  eifersüchtigen  europäischen  Kulturnationen  bis  heute
noch  nicht  zustande  gekommen.  Nachdem  11  Jahre  vergangen  waren,  ohne  daß  das  Südstück ­
  der  Zentralbahn,  trotz  wiederholter  Konzessiouserteilungen,  richtig  in  Angriff  genommen
war,  einigten  sich  die  um  den  fetten  Bissen  zankenden  Natioueit  endlich  dahin,  daß  der
Ban  den  Engländern  übertragen  wurde,  während  die  übrigen  Nationen  anderweitig  entschädigt ­
  wurden,  darunter  die  Deutschen  mit  der  Konzession  für  eine  von  Hankou  in  die
Provinz  Szetschnan  führende  Bahn.  —  Tie  1911  ausgebrochene  chinesische  Revolution ­
  und  der  Sturz  der  Mandschu-Dynastie  haben  jedoch  aufs  neue  der  Eisenbahnerschließung
  Chinas  Hindernisse  in  den  Weg  gelegt.  —  Kurze  Erwähnung  verdient  noch
eine  von  den  Chinesen  selbst  von  Peking  über  den  Nankon-Paß  nach  Kalgan  gebaute
XI120b
            
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