physischen Fassung des religiösen Lebens; dadurch führt es auch zur
Vertiefung des philosophischen Denkens, zu einem Streben nach der
tiefsten und konkretesten Form der philosophischen Spekulation, in
der sie als mystisch-spekulative Theosophie erscheint. Rein äußer-
lich betrachtet, könnte man den Hauptinhalt des typisch russischen
philosophischen Denkens als religiöse Ethik bestimmen. In seiner so-
zusagen nacktesten Form erscheint dieses Wesen des russischen Geistes
in Tolstois Moralpredigt, in Tolstois Verneinung aller Kultur und
alles Lebens im Namen der Herrschaft des moralischen „Guten“. Aber
in dieser rein-rationalistischen Form ist Tolstoiismus zugleich eine
Verflachung, ein Zerrbild des russischen religiösen Geistes. Denn es
ist eben für die russische religiöse Ethik gerade charakteristisch, daß
für sie das „Gute“ nicht als Moralpredigt oder sittliches Gebot, nicht
als ein Sollen und eine Norm erscheint, sondern als „die Wahrheit“,
als ein lebendiges ontologisches Wesen, das der Mensch sozusagen nur
erfassen und dem er sich hingeben muß. Mit anderen Worten: die
religiöse Ethik ist zugleich religiöse Ontologie. Andererseits ist dem
russischen Bewußtsein eine individualistisch-moralistische Fassung der
Ethik ganz fremd: bei dem russischen Suchen des „Guten“ handelt es
sich nicht um einen Wert, der persönlich gut macht, rettet oder heilt,
sondern um ein Prinzip oder eine Ordnung, im letzten Sinne um
einen religiös-metaphysischen Stützpunkt oder Grund, worauf das
ganze Menschheitsleben, ja, die ganze kosmische Weltverfassung sich
gründen muß und wodurch die Menschheit und die Welt gerettet und
verklärt wird.
Es wohnt dem russischen Geiste ein Streben nach Ganzheit, nach
allumfassender und konkreter Totalität inne, nach einem letzten und
höchsten Werte und Grunde; durch dieses Streben ist das russische
Denken und Geistesleben nicht nur in seinem innersten Kerne religiös
_— denn man darf behaupten, daß jedes geistige‘ Schaffen in seinem
innersten Kerne eben religiös ist, — sondern die Religiosität durch-
flutet und durchdringt auch alle äußeren Gebiete des russischen
Geisteslebens. Der russische Geist ist sozusagen durch und durch
religiös. Er kennt eigentlich keine Werte außer den religiösen; er
strebt eigentlich nur nach Heiligkeit, nach religiöser Verklärung. Das
ist vielleicht der größte Unterschied zwischen dem westeuropäischen
und russischen Geist. Dem russischen Geist ist die Differenziertheit,
die Abgesondertheit einzelner Gebiete und Werte des westlichen
Lebens fremd und unbekannt, und nicht wegen seiner Primitivität
(wie es oft auch westlich-gebildete Russen meinten), sondern eben
weil es seinem innersten Wesen widerspricht. Alles Relative, woraus
es auch bestände — sei es Moral, Wissenschaft, Kunst, Recht, Natio-
nalität usw. — hat als solches für den Russen gar keinen Wert.
Es erhält seinen Wert erst durch seine Beziehung zum Absoluten,
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