Weitere musikalische und literarische Übergänge. 369
zriechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“.
Winckelmann trug hier, anknüpfend an die rationalistische Theorie
von der Kunst, doch sie klassizistisch wendend, folgende Lehre
bor. Die Kunst bestehe allerdings in der Nachahmung; das
oft zitierte Wort des Simonides, daß Malerei nur stumme
Poesie sei, habe als wahr zu gelten; die Malerei habe so weite
Grenzen wie die Dichtkunst. Und wie der Stoff der Dichtkunst
‚or allem die Fabel sei, das heißt die vollendetste, am meisten
von sittlichem Zwecke und Nutzen getragene Verwirklichung des
Wunderbaren, so sei der Hauptstoff der Malerei die Allegorie.
Danach erschien Winckelmann die zukünftige Größe der Malerei
darin, daß sich der Maler nunmehr „als ein Dichter zeigen
und Figuren durch Bilder, das heißt allegorisch, malen müsse“.
Es ist klar: diese ganze Lehre war nur eine letzte, in ihrer Art
klassische Darstellung der rationaliftischen Auffassung der Malerei;
weit ist sie davon entfernt, etwas grundsätzlich Neues zu bieten.
Aber neben diese Sätze stellte nun Winckelmann, des weiteren
bornehmlich von der Plastik ausgehend, andere. Mit Abscheu
und Unwillen sprach er von der modernen, aus dem Barock
entarteten Bildnerei, „als worin ungewöhnliche Stellungen und
Handlungen, die ein freches Feuer begleitet, herrschen“. An
ihrer Stelle sehnte er eine andere Kunst herbei, eine Kunst der
edlen Einfalt und stillen Größe, wie sie die Alten und vor—
nehmlich die Griechen einstmals gehabt hätten, und er erweiterte
diesen Satz, ohne die rationalistische Vorstellung von der Malerei
als Allegorie aufzugeben, zu der Forderung allgemeiner Nach—
ahmung der Alten nicht bloß auf dem Gebiete der Plastik,
sondern mindestens auch auf dem der Malerei: „der einzige
Weg, groß, ja, wenn möglich, unnachahmlich zu werden, ist die
Nachahmung der Alten, das heißt derselbe Weg, welchen auch
Michelangelo, Raffael und Poussin einst eingeschlagen“.
Winckelmanns Forderungen machten außerordentliches Auf⸗
sehen: klar und bestimmt, dem allgemeinen Zuge der letzten
Jahrzehnte zur Nüchternheit nicht diametral entgegentretend,
bielmehr einen Ausweg zeigend aus der eklen Dürre, die am
Ldamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 24