Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
Die Dichter aber fühlten, was die Historie heute kündet; 
und so erfolgte in ihrem Herzen und Munde, vor allem in 
der Verdolmetschung durch ihren philosophischen Chorführer, 
Friedrich Schlegel, eine Durchbildung frühromantischer Philo— 
sophie, die noch heute höchst praktisch nachwirkt. Da wurde 
natürlich von dem Begriffe des Kunstwerks ausgegangen; wann 
wäre der philosophische Dichter nicht zunächst Asthetiker ge— 
wesen? Diesem Kunstwerke aber wurde ein dynamischer Zug 
eingehaucht, es erschien atmend, erschien sich belebend: war die 
höhere Vollendung des Organischen, ja Typ und Symbol des 
Drganismus überhaupt. Und indem nun Geist und Natur rück— 
wärts wirkend wiederum im Lichte des Kunstwerkes betrachtet 
wurden, erschienen auch sie als organisch: und der Begriff des 
Organismus trat in den Mittelpunkt der Anschauung der 
Welt. Ja weiter: indem im Kunstwerke vermöge seiner dy⸗— 
namischen und genetischen Eigenschaften Subjekt und Objekt, 
Innenwelt und Außenwelt in eins zusammenfallend gedacht 
wurden: ergab sich ein blühender objektiver Idealismus, der 
die strengen Lehren Fichtes der Welt annäherte und schließlich 
in wichtigsten Punkten mit Schelling zusammentraf. Denn 
nun mochte man wohl noch geringe Unterschiede statuieren, 
wie den gegen Fichte, daß die Welt nicht in den Geist, sondern 
der Geist in das Objekt gefaßt werde, oder den gegen Schelling, 
daß das Absolute der Weltentwicklung nicht so sehr mehr in 
die Vernunft wie in das reine Wollen, die Liebe falle: im 
ganzen war man doch einig, und voll und faßbar erst trat 
jetzt der wesentliche Unterschied der neuen Mystik gegen die 
individualistische Mystik Spinozas hervor: nicht mehr als Sein 
erschien die Welt, sondern als Werden. 
Das also war die Philosophie der Dichter: die schaffende, 
der die Welt ein Kunstwerk ist, die schöpferische, die sich dem 
Werdegedanken hingibt, die Philosophie, der „in der Philo— 
sophie der Weg zur Wissenschaft nur durch die Kunst geht“. 
Und wie hat diese Philosophie gewirkt! Aus ihrem Bereiche 
ging der frühevolutionistische Gedanke der ersten Jahrzehnte des 
19. Jahrhunderts in den Wissenschaften hervor, den wir bald
	        
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