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gibt in manchen wissenschaftlichen Werken Betrachtungen und
statistische tatsächliche Feststellungen auch auf diesem. Gebiet;
z. B. in Stephans Geschichte der preussischen Post.
Aber die Tatsachen liegen dort schon weit zurück, und die Er
fahrungen der letzten 50 Jahre, die in vielen Punkten andere
Schlüsse gestatten, fehlen in diesem Buche. Stephan hat
sich auch manchmal, die Gegenwart mit den Massstäben
einer früheren Entwicklung messend, gründlich geirrt, z. B.
als er aus finanziellen Befürchtungen die Erhöhung des
einfachen Briefgewichts von 15 auf 20 g ablehnte. Die Post
kasse hat aber tatsächlich alsbald 12 Millionen Mark dadurch
gewonnen, so dass er ihr durch Versagung dieser Reform
nur einen schlechten Dienst geleistet hat 4 * * * * * * * 12 ). Ein wissenschaftlich
gutes Werk über die Geschichte der deutschen Post und
insbesondere der deutschen Tarifreformen — etwa so
wie das treffliche Buch von J. P. Reis für Luxemburg
(Statistique historique. Histoire des postes etc 1897), das auf
dem rechten AVege wandelt, oder wie Belloc’s Werk über die
französische Post — besitzen wir merkwürdigerweise überhaupt
noch nicht.
Von den Professoren der Volkswirtschaft wird dieses
wichtige Gebiet meist stark vernachlässigt. In Fachzeitschriften,
z. B. dem „Archiv für Post und Telegraphie“ und der
4 ) Näheres darüber in meiner Untersuchung in der „Frankfurter
Zeitung“ vom 5. Februer 1904, Nr. 36 (Leitartikel), Hier nur in Kürze
Folgendes zu der Erhöhung des einfachen Briefgewichts in
Deutschland von 15 auf 20 Gramm (vom 1. April 1900 ab).
Der deutsche Brieftarif ist zweistufig: bis 20 g (früher 15) 10 Pf.;
über 20—250 g 20 Pf. Ortsbriefe, einstufig: 250 g 5 Pf. Nach Stephans
Angaben im Januar 1896 im Reichstage sollte diese Briefgewichtserhöhung
von 15 auf 20 g einen Ausfall von „4 bis 5 Millionen Mark jährlich“
verursachen, während dabei „nicht ein einziger Brief mehr ge
schrieben werden“ würde. In der Podbielskischen Postvorlage wurde
die Mindereinnahme nur auf 2'/aMillionen Mark jährlich berechnet, da
die Briefe zwischen 15 und 20 g nur rund 30% der internen Fernbriefe über
15 g ausmachten (nicht 48,35 %, wie Stephans frühere Ermittelungen angaben).
In AVirklichkeit ergab sich aber bei der Deutschen Reichspost schon
im Jahre 1900, also nach 9 Monaten, eine Mehreinnahme von
12 Millionen Mark, und im dritten Jahre ein Mehr von 16,8 Millionen,
wie man aus der Reichspoststatistik über die Briefe genau berechnen kann.