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erwarten. Für die Verwaltungen ist die Kritik ebenso
notwendig, wie das menschliche Atmen, sagte der preussische
Eisenbahnminister v. Thielen in anerkennungswerter Duld
samkeit. Aber vertiefte wissenschaftliche Kritik ist sehr rar.
Wer selbst immer in der amtlichen Maschinerie drin sitzt,
empfindet nicht mehr, wie sie nach aussen wirkt. Es bedarf
daher der Anregungen von aussen. Auch weichen die
Meinungen und Interessen der Regierenden und der
Regierten hier ebenso ab wie sonst vielfach. Deshalb
würde eben auch eine amtliche Tarifreformliteratur immer noch
eines Korrektivs sachkundiger unabhängiger Autoren oder Inter
essenten, die die Dinge auch von der anderen Seite beleuchten,
bedürfen 5 ),
5 ) Es läge nahe, dass die zahlreichen Organisationen von Handel
Industrie und Verkehr: Handelskammern, Korporationen, Vereine
und Verbände industriell-kommerzieller Art eine gemeinsame wissenschaft
liche Zentralstelle von akademischem Charakter zu vertiefter Er
forschung und literarischer Darstellung der wichtigeren Ver
kehrsfragen und Tarifreformen schüfen. Diese könnte später auch
international gegliedert werden. Es gibt allerdings schon mancherlei Vereins-
zeitsehriften und Jahrbücher solcher Vereine, die auch Verkehrsprob leine
behandeln, es werden von manchen Stellen Flugschriften oder Broschüren
herausgegeben. Aber nur selten gehen diese den zu behandelnden Fragen
so eingehend gründlich zu Leibe, dass die Wucht der wissenschaftlichen
Argumente auch andersdenkende Verkehrsverwaltungen und Fachleute über
zeugt und mitreisst und die möglichen Einwände nachhaltig widerlegt werden.
Deshalb dauert es oft lange Jahre, bis wichtige Reformen Wirklichkeit oder
unglückliche Einrichtungen abgeschafft werden. Die gewöhnlich überbürdeten
Generalsekretariate und Redaktionen der meisten bestehenden Vereine
können den Verkehr auch nur ganz nebenbei behandeln, während er allein
schon volle Kräfte beanspruchen würde.
Auch den sogenannten Sachverständigen und Interessenten, die oft
von Behörden gehört werden, fehlt es bei dem Mangel einer tüchtigen
kritischen Literatur oft an der nötigen Orientierung, sodass ihre Urteile
häufig sehr oberflächlich ansfallen.
Es gibt wohl auch einen Bund der Verkehrs verbände in
Deutschland, aber auch der hat sich nur die allgemeine Agitation zum
Ziele gesteckt, nicht aber die Erzeugung einer wissenschaftlichen
Buchliteratur, welche Presse. Vereine und Parlamente speisen und ein
Gegengewicht gegen die oft einseitigen oder gar zu fiskalischen amtlichen
Anschauungen schaffen sollte.