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Erläuterung zu 1 b (Seite 174).
Von den 98 894000 frankierten Briefen aus dem Reiohspostgebiet nach dem
postalischen Ausland (1907), d. h. nach den Ländern, die nicht im Postvereins
Verhältnis mit Deutschland stehen, gingen also 98,8°/ 0 nach Ländern Europas
und nur 6,7°/ 0 nach aus.sereuropäisehen Ländern. Wenn nun behauptet wird,
eine Verkehrssteigerung des Auslandsverkehrs könne bei Einführung des 1(1 Pf.-Portos
an Stelle des jetzigen 20.Pf.-Tarifs die ungünstigen finanziellen Folgen gar nicht mindern,
weil das Transitporto mit dem zunehmenden Verkehr ebenso wüchse und nach
fremden Weltteilen oft höher wäre als die ganze Portoeinnahme von 10 Pf, so ist das
zweifellos eine übertriebene Schwarzseherei, wie ich denke.
Wie wir sehen, bildet ja derjenige Teil des Verkehrs nach dem Aus
land e, wo die Transitgebtthren höher sind als die Portoeinnahme, nur
einen ganz geringen Bruchteil des ganzen Verkehrs nach dem postalischen
Auslande.
Es belaufen sich die Landtransitgebühren (vgl. S. 79) ja auf 1,50 Franken
oder 1,20 M für jedes Kilogramm Briefe bei je 8000 km Beförderungslänge, die
Seetransitgebühren (S. 83 f.) aber auf ebensoviel bis 555 km, auf 4 Fr. oder 8,20 M
bei 2778 km in Europa oder zwischen Europa und Nordamerika und auf 6,40 M für die
sonstigen sehr weiten überseeischen Strecken. Auf je 1 kg wurden bisher 100 Briefe
gerechnet, also 10 g durchschnittlich auf den Brief; im deutsch-amerikanischen Verkehr
beträgt neuerdings das Durchschnittsgewicht 13 1 / 2 g, d. h. 74 Briefe auf 1 kg
(vgl. S. 290). Mit diesem neuesten Durchschnitt wollen wir hier rechnen. Es ergeben
sich danach für die erste Zone des Land- und Seetransits auf einen Brief
j e 1,6 Pf. Transitgebühren, für 6000 km zu Lande (z. B. Nordamerikas Durchquerung)
8,2 Pf, für das Seeporto von Europa nach Nordamerika 4,8 Pf, für das
weiteste sonstige Seeporto 8,6 Pf., für das weiteste Landtransitporto
über 9000 km (z. B. durch Russland, und Sibirien) 6,4 Pf.
Wir wollen nun abschätzen, wieviel von den Portoeinnahmen, auch bei Mehr
einnahmen infolge eines Verkehrszuwachses, durch die Transitgebtthren ungefähr ver
loren gehen könnten und wieweit die besonders hohen Seetransitgebühren die Mehr
einnahmen zu schmälern geeignet wären. Wie wir sehen, fallen 60,2°/ 0 des Ver
kehrs auf die an Deutschland angrenzenden Nach!) ar 1 änd er. Hier wäre
aIso gar keine Trähsitgebühr zu zahlen und die 10 Pf. Portoeinnahme für
jeden Brief bliebe u n v e r k tt rzt. N ach den überseeischen Nac h barlände r u
England, Schweden und Norwegen (22,9°/ 0 des Verkehrs) kommt die Transit
gebühr wohl auch kaum in Betracht. Denn zum Teil geht dieser Verkehr wohl auf
subventionierten eigenen Postdampfern dahin, besonders nach Skandinavien, und sofern
Briefe nach England über Belgien oder Holland gehen - Belgien hat eigene Staats
postdampfer zur Ueberfahrt — würden sie meines Wissens nur je 1,6 Pf. an Transit
gebühren in Anspruch nehmen.
Nach den andern Ländern Europas (10,2°/ 0 des Postauslandsverkehrs) —
z. B. Italien, Spanien, den Balkanländern — kämen 1,6 bis 8,2 Pf. als Transitgebühr ge
wöhnlich in Betracht.
Aber diese ganze Ausgabenberechnung des Landtransits dürfte
doch schon ein Fehler sein. Wie wir oben (S. 77 f.) sahen, gleichen sich die
Transitleistungen der verschiedenen Länder zum grossen Teil gegenseitig aus, an die
meisten ist überhaupt nichts zu zahlen und die wirklichen Barbezahlungen, die
schliesslich übrig bleiben, sind im Verhältnis zu den Gesamtausgaben des Postbetriebs
eines Landes meist nahezu gleich Null. 1896 hatten von 186 Verwaltungen 80 wogen
der Geringfügigkeit der Summen gar keine Transitgebühren zu bezahlen. 56 Ver
waltungen rechneten miteinander ah. Aber nur 1 | 8 von ihnen hatte wirkliche Barge
schäfte zu erledigen, während bei 2 /3 Schuld und Guthaben sich ausglichen. Deutsch
land hatte 1,51 Millionen Franken zu bezahlen und 1,42 Millionen von andern zu
bekommen, im ganzen also nur einen Barbetrag von 87 000 Fr. an Landtransit
gebühren wirklich auszu zahlen. Bei einer Gesamtausgabe der deutschen Posten
in Höhe von 705 Millionen Franken sind aber 87 000 Fr. so gut wie Null. Bei dem
Inselreich England war der Betrag der höchste 920000 Fr.; aber bei einer Gesamt
ausgabe von 847 Millionen Franken ist das unwesentlich, kaum 1 / 3 0 / 0 ; bei der
amerikanischen Union waren es 780 000 Fr. bei einer Gesamtausgabe von 928 Mil
lionen Franken. Und bei den meisten grösseren Ländern betrugen die wirklichen
Zahlungen nur 50 000—100000 Fr., bei einigen wenigen 100 000 200000 Fr. oder etwas
darüber. Wenn die heutigen Zahlen auch grösser sein sollten, sie kommen neben
der Gesamtausgabe kaum in Betracht, und da die meisten Leistungen und Gegen
leistungen des Transits sich ausgleichen, ist es doch wohl nur theoretisch richtig, zu
behaupten, dass die Portoeinnahme von den Ausländsbriefen durch die Transitausgabe
und die gesteigerten Selbstkosten wesentlich geschmälert würde.
Im europäischen Verkehr der Länder Europas vielleicht England ausge
nommen, das aber wiederum soviel Seetransitgebühren vergütet erhält —kann wenigstens
in Wahrheit keine Rede-davon sein.