Full text : Die Arbeiterfrage

2.  Welchen  Einfluß  hat  auf  Sie  die  politische  und  Gewerkschaftsbewegung? ­
  Haben  Sie  dadurch  Hoffnung,  daß  es  bald  besser
für  Sie  wird?  Oder  sind  Sie  hoffnungslos  und  warum?
Sind  Uneigennützigkeit,  Entsagung,  absolute  Hingebung  an
ein  utopisches  oder  lebensvolles  Ideal  sittliche  Tugenden,  dann
kann  man  sagen,  die  Massen  besitzen  diese  Tugenden  oft  in  so
hohem  Maße,  wie  es  bei  den  weisesten  Philosophen  selten  erreicht ­
  worden  ist.
Gewiß,  die  Macht  der  Worte,  wie  Sozialismus,  Klassenkampf, ­
  Freiheit,  Gleichheit,  Brüderlichkeit  auf  die  Massenseele
ist  eine  ungeheure.  Sie  sind  die  Synthese  der  verschiedensten
unbewußten  Erwartungen  und  der  Hoffnung  auf  deren  Verwirklichung. ­
  Worte  rufen  in  den  Seelen  grandiose  und  vage  Bilder
hervor,  aber  eben  das  Vage,  das  sie  verwischt,  vermehrt  ihre
magische  Gewalt.  Welch  tiefe  Antipathie  andererseits  der  Masse
gegenüber  Worten  wie  Bourgeoisie,  Kapitalismus  usw.  Auch
sonst  ruhige  und  intelligente  Arbeiter  wurden  oft  fuchswild,
wenn  man  zu  einer  Verurteilung  allzu  heftiger  Kraftausdrücke,
die  extremste  Haßgefühle  offenbarten,  kam.  Auch  darüber  wurde
eine  lebhafte  Korrespondenz  geführt,  und  man  kann  wohl  behaupten, ­
  daß  diese  Menschen,  um  nicht  innerlich  zu  veröden,
einer  heftigen  Reaktion  bedürfen.  Auf  ein  Schreiben,  daß  der
menschliche  Organismus  doch  ein  einheitlicher  sei  und  man
einzelne  Teile  doch  nicht  hassen  sollte,  schreibt  ein  Metallarbeiter ­
  :  „Sie  weisen  mich  auf  das  edle  Grundgesetz  alles  Seins,
auf  die  Liebe.  Ja,  werter  Herr,  muß  ich  nicht  hassen,  um  lieben
zu  können?  Was  ich  hasse,  liebe  ich  in  seiner  Urform,  sonst
würde  es  mir  doch  gleichgültig  sein.  Ja,  ich  behaupte  sogar,
daß  Haß  nichts  anderes  ist  als  die  Gewalt  der  Liebe“  etc.  etc.
Die  Hoffnung,  die  aufwachsende  Generation  glücklicher,  erleuchteter ­
  und  in  sittlicher  Beziehung  feinfühliger  zu  sehen,
zieht  sich  durch  den  größten  Teil  der  Erhebungsformulare.  Frei
aus  der  Tiefe  seines  sozialen  Wollens  bekennt  sich  der  Einzelne
zur  Partei,  und  innerhalb  derselben  tönt  ihm  nur  ein  Sollen  entgegen. ­
  du  sollst,  du  sollst,  denn  du  kannst.  Ich,  die  Parteiverfassung, ­
  stelle  dir  nur  solche  Aufgaben,  denen  du  gewachsen
bist.  Und  wenn  ich  dich  dann  und  wann  mahne  und  zwinge,
für  mich  ins  Feld  zu  ziehen,  so  ist  mein  Zwang  ein  freier  mo-283

            
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