Dichtung.
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Gebote, sondern vielmehr zartester gegenseitiger Daseins—
bedingungen einer hochstehenden freien Menschlichkeit.
Von nun ab aber beginnt Hauptmann viel mehr eigene
Wege zu gehen. Und diese führen ihn in doppelter Richtung:
zur impressionistisch-individualpsychologischen Komödie und zum
impressionistisch-sozialpsychischen Massendrama.
Der Komödie gehören „College Crampton“ (1892) und
der „Biberpelz“ (1893) an. Von ihnen ist das erste Stück,
das durch eine Aufführung von Moliéres „Geizigem“ angeregt
wurde, im Grunde nur die bis ins kleinste ausgeführte
Charakterstudie eines trunksüchtigen Professors einer schlesischen
Malerakademie, bei der dem Dichter Erinnerungen an einen
akademischen Jugendaufenthalt in Breslau zu Hilfe gekommen
sein werden; die bürgerlich-kaufmännischen Kreise, die dem
Collegen Crampton“ gegenübergestellt erscheinen, sind, wenn
auch mit bezeichnenden Strichen, doch nur andeutend gemalt
und weniger gelungen. Das Wesen der Komödie erhält das
Stück zum Teil durch die genial-humorvollen Züge des Helden
und die Gegenfigur seines Faktotums, eines sorgsam-biederen
Dienstmannes, — vor allem aber durch seinen freilich etwas
unorganischen und äußerlich gehaltenen Ausgang, indem uns
die Möglichkeit einer Besserung des traurigen Zustandes des
Helden, wenn auch nur von ferne, gezeigt wird. In viel um—
fassenderem Sinne ist der „Biberpelz“ eine Komödie, die
Komödie des dummen Strebertums: freilich eine Satire zu—
zleich und insofern ein weiterer Schritt auf dem Wege, den
Kleist mit dem „Zerbrochenen Krug“, Hebbel mit dem „Trauer⸗
spiel in Sicilien“ beschritten hatte.
Indes noch bevor der „Biberpelz“ auf der Bühne erschien,
war Hauptmann in völlig neue Bahnen eingelenkt. Liegt der
geschichtlichen Betrachtung bei der Tragikomödie, wie soeben
beinerkt, eine Anknüpfung an Hebbel und Kleist nahe, und läßt
sich gelegentlich der Familienstücke des Dichters vergleichsweise
rückwärtsgreifen mindestens bis auf Ludwigs „Erbförster“
und Hebbels „Maria Magdalena“, so versagen für die sozial—
osychischen Massendramen, für die „Weber“ (1892) und „Florian