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B. Betrachtungen
dann das Christentum die Persönlichkeiten der Götter des Altertums
zu dem einen und einigen Gott verschmolz, steigerte sich die Wert⸗
schätzung der Einheit bis zum Übergewicht über die inhaltlichen
Religionswerte. Die Einheitsform, die Katholizität der Kirche war es,
die dieser Sehnsucht der Frommen nach Ganzheit am stärksten ent⸗
gegenkam. In ihr fand sie die Verwirklichung der „Stätte Gottes“,
der „Arche Noahs“, des „Leibes Christi“. Die Reformation hat diese
Einheit zerstört, ohne daß indessen der religiöse Lebensprozeß aufgehört
hätte, wenigstens nach Kompensationen für die verlorengegangene
Totalitaͤt der Kirche zu suchen. So ist es zu verstehen, daß die mensch⸗
liche Gesellschaft das Gemeinde⸗ und Gemeinschaftsleben im Staate,
in Recht und Sitte, in Familie und Genossenschaft, in Sprache und
Tradition seit dieser Zeit mit einer Weihe umkleidet hat, die frühere
Zeiten nicht kannten und die dem ewigen Bedürfnis nach Verehrung
der Ganzheit des Lebens, der Totalität entspricht.
Es ist naheliegend, daß die katholische Kirche, die seit der Reforma⸗
tion in Idealkonkurrenz mit den übrigen Ausdrucksformen des Totali⸗
tätsgedankens steht, jede Entwicklung begrüßen mußte, durch die
diese Formen in jene mehr oder weniger dienende Stellung zurückver⸗
wiesen wurden, die sie bis zur Reformation innehatte. Jede Maß⸗
nahme oder Einrichtung, die hierzu diente, mußte ihr erwünscht, jede
Ordnung der materiellen Lebensinhalte mit dem Ziel der Ermög—⸗
lichung oder Verstärkung der Hinwendung zur religiösen Muße, zur
kirchlichen Totalität willkommen sein, jede Arbeitsweise, die in dieser
Richtung wirkte, gebilligt werden.
Hier, in Rücksicht auf die Entlastung der Menschen von beruflichen
Plagen und Nöten, wird nun die Bedeutung der Rationalisierung
für den Katholizismus klar. Sie fördert die Zwangsläufigkeit und
innere Selbstgenügsamkeit des Arbeitsprozesses, sie befreit durch Be⸗
schräänkung der Neuheiten von der Neuheits⸗ und Neuigkeitssucht, sie
wirkt durch die Verringerung der Planlosigkeit und die Verminderung
der Vergeudung von Material und Kräften im Sinne der Schonung