IV. Das Jch als Massenteilchen t '
in ganz anderer Weise geltend machen, als das große Publikum
sich die Sache in der Regel vorstellt. Es ist wirklich nicht so, daß
jemand, der der Zeitung eine große Anzeige bringt, nun mit der
Faust auf den Tisch schlagen und verlangen könnte, daß dazu noch
das und das ihm selbst, dem Auftraggeber, Wohlgefällige geschrieben
iverde. Oder daß jemand, durch die plumpe Drohung, seine An-
zeigenaufträge in Zukunft anderweitig vergeben zu wollen, einen
Wechsel in der Haltung der Zeitung bewirken könnte. Vernünftig
geleitete Zeitungen pflegen Versuchen gegenüber, sie zu boykottieren,
selbst wenn sie in „organisierter“ Form auftreten, stets den längeren
Atem zu haben.
Ebensowenig aber wird gerade die vernünftig geleitete Zeitung
sich den Rücksichten verschließen können, die das Bedürfnis erzeugt,
sich ihren Kreis von Auftraggebern zu erhalten und ihn tunlichst zu
erweitern. Das schafft Abhängigkeiten, die man gar nicht zu leugnen
braucht, weil sie so selbstverständlich sind, wie die Abhängigkeit jedes
geschäftlichen Unternehmens von den Lebensbedingungen, unter denen
es arbeitet, und weil sie nicht beseitigt werden können, ohne die
Jeitung in andere Abhängigkeiten zu bringen, die mit den Pflichten
gegen ihre Leserschaft weit weniger zu vereinigen wären. Das Maß
von Unabhängigkeit, das die deutsche Zeitung hat ~ und dessen sie
sich leider nicht immer im wünschenswerten Umfang bewußt ist ~
beruht auf den Einnahmen aus dem freien Anzeigengeschäft. Das
darf nicht übersehen, wer an der Ausdehnung mancher ,„Anzeigen-
Plantagen‘“ Ärgernis nimmt — wobei auf der andern Seite ruhig
zuzugeben ist, daß von den Einnahmen aus solchen „Plantagen‘“ nur
in sehr seltenen Fällen restlos der Gebrauch gemacht wird, der im
Interesse der Zeitung am wünschenswertesten wäre.
Aber es darf dabei auch nicht außer acht gelassen werden, wie
wenig das zeitunglesende Ich in Deutschland geneigt ist, für seine
Zeitung einen Preis aufzuwenden, der ihrer Unentbehrlichkeit für
das Ich auch nur einigermaßen entspricht. Eine der wenigen guten
Nachwirkungen der Inflation ist es, hier Wandel geschaffen und
das Publikum an halbwegs angemessene Bezugspreise für die
Zeitung gewöhnt zu haben. Ob der Wandel von Dauer ist, bleibt
abzuwarten und wird sehr wesentlich mitbestimmt werden davon,
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