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Essen, den 28. September 1918.
Ew. Hochwohlgeboren
erlauben wir uns, wiederholt die Aufmerksamkeit auf die Lage
der auf den hiesigen Zechen beschäftigten russischen Arbeiter zu
richten. Unsere Erfahrungen haben uns leider bestätigt, daß die
dortseits getroffenen Maßnahmen zur Linderung der Notlage
dieser Leute keineswegs ausreichen, denn immer wieder kommen
Leute zu uns, die offenbar krank und der verlangten Arbeit
nicht gewachsen sind, die aber unter Anwendung von Gewalt
und Drohungen zur Arbeit gezwungen zu werden glaubhaft an
geben. Ein anderer Teil der Arbeiter berichtet, daß ihnen die
Rückbeförderung versprochen sei, daß sie aber immer wieder hin
gehalten würden. Die Leute sitzen hier und hungern und fallen
der Armenpflege zur Last.
Heute haben wiederum folgende Arbeiter: 1. Karl Grelus,
wohnhaft in Stoppenberg, Feldstraße 14 a , 2. Karl Wisniewski,
ebendort, beide beschäftigt auf Zeche Ernestine in Stoppenberg,
unsere Hülfe in Anspruch genommen. Beide sind krank und der
Arbeit nicht gewachsen. Trotzdem werden sie zu schwerer Arbeit
angehalten.
Grelus ist ein schwacher Mensch, der stets über Schmerzen
in der Brust und in der Seite klagt, deren Ursache er nicht weiß.
Er ist zweimal von dem Herrn vr. Benking untersucht worden.
Dieser hat ihn auch, als zu nur leichter Arbeit fähig erklärt.
Trotzdem wird er zu den schwersten Arbeiten, auch unter Tage,
angehalten. Der Steiger Nachtigall von der Zeche Ernestine
zwingt ihn dazu unter Anwendung von Schlägen und Droh
ungen .
Dies ist zuletzt am Donnerstag der vorigen Woche gewesen.
Bei dieser Gelegenheit hat Nachtigall ihn wieder geschlagen.
Grelus ist unter dieser Arbeit zusammengebrochen und hat seit
dem nicht mehr arbeiten können.
Gegen den vorbezeichneten Steiger Nachtigall stellen wir
hiermit Strafantrag und verlangen seine strafrechtliche Verfol
gung. Besonderen Strafantrag des Grelus fügen wir in der
Anlage bei. Einen Zeugen, der bei der Mißhandlung und Nöti
gung des Grelus zugegen gewesen ist, dessen Namen dieser aber
zurzeit nicht weiß, werden wir noch angeben.
Wisniewski ist herz- und lungenleidend. Auch ist er schon
in Behandlung von vr. Benking gewesen, der ihn ebenfalls als
nur zu leichter Arbeit fähig bezeichnet hat. Trotzdem wird er
gezwungen, schwere Arbeit zu verrichten. Man hat ihn zwar
nicht in die Grube einfahren lassen, zwingt ihn aber über Tage
die schwersten Arbeiten zu leisten. So muß er die gefüllten