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Luther.
Calrvin.
Auch Ulrich von Hutten (1488—1523) kann nicht ganz um-
gangen werden, dessen ausgesprochenes Nationalgefühl auch in der
Beurteilung der wirtschaftlichen Verhältnisse zum Ausdruck kommt,
indem er untersucht, wie Deutschland zu helfen sei. Er erkennt die
Notwendigkeit des Handels an, fürchtet aber durch ihn den Luxus
gefördert zu sehen, wie die Ausfuhr des Geldes, und beide Momente
sieht er als die Hauptfeinde der Entwickelung des allgemeinen Wohl-
standes an,
Zeigt auch Luther in privatwirtschaftlichen wie volkswirtschaft-
lichen Dingen in der Hauptsache eine fast kindliche Auffassung, so hat
doch sein gesunder Sinn und sein Interesse für alle wichtigen Fragen
der Zeit ihn zu Aussprüchen und Lehren veranlaßt, die von einer so
bedeutenden Persönlichkeit ausgehend nicht ohne nachhaltigen Einfluss
geblieben sind und den Umschwung in den Zeitanschauungen vortrefflich
charakterisieren, Indem er die Berechtigung materiellen Genusses aner-
kennt, tritt er der mönchischen Verachtung der äußeren Güter, wie
ebenso durch den Satz „Der Mensch ist zur Arbeit geboren“ dem
mittelalterlichen Grundzuge entgegen. Das Wesen der Arbeitsteilung,
die Bedeutung des Handels sind ihm durchaus klar. Die obrigkeitlichen
Taxen verwirft er und hält die Preisbestimmung auf freiem Markte
für unerlässlich, Das hindert ihn freilich nicht, die Preissteigerung
des Brotes in seiner Zeit auf den verbreiteten Wucher zu schieben,
statt auf die allgemeine Geldentwertung. Wie Hutten eifert er gegen
Luxus und den auswärtigen Handel und vermag sich noch nicht mit
dem Zinsnehmen zu befreunden, hat also den canonistischen Standpunkt
noch nicht überwunden. Höchst bedeutsam sind dagegen seine Aus-
führungen gegen das planlose Almosengeben der Kirche, welches nur
Müssiggang und Vagabundentum großziehe, ohne wirklich wohlzuthun,
und rn hat er gleichfalls einen Bruch mit der Vergangenheit an-
gebahnt.
Mehr im praktischen Leben stehend, mit weiterem Blick für
volkswirtschaftliche Fragen erscheint Calvin. Er tritt vor allem für
eine energische Staatsgewalt ein, welche auch die sozialen und wirt-
schaftlichen Verhältnisse des Landes zu regeln hat. Ihre erste Auf-
yabe geht dahin, die Bevölkerung zur Arbeit zu erziehen und sie dazu
anzuhalten. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ In zweiter
Linie sucht er selbst durch detaillierte Luxusverbote und KEinschrän-
kung der Vergnügungen Sinn für Einfachheit und Arbeitsamkeit zu
fördern, Bedeutsam ist bei ihm die Anerkennung der volkswirtschaft-
lichen Gleichberechtigung der verschiedenen Gewerbe, besonders der
Produktivität des Handels. Er erklärt ausdrücklich, Geld kann so gut
Geld erzeugen wie der Acker. Das Zinsnehmen ist nach ihm ebenso
berechtigt wie der Anspruch auf eine Hausmiete, Hieraus ergiebt sich
ein wesentlicher Fortschritt in den Anschauungen,
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Die erste Periode des polizeilich-cameralistischen
Zeitalters.
Mit Recht ist es ausgesprochen, daß das letzte Jahrhundert viele
Aehnlichkeit mit dem Reformationszeitalter hat und in gleicher Weise
eine wirtschaftliche Revolution erfahren hat, wie sie damals vor sich ging.
Kein Wunder, wenn in beiden Perioden das Interesse für volkswirt-.