Object: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 249 
Selbstbeobachtung Welt und Menschheit zu bezwingen. Es war 
die Periode des Sturmes und Dranges. 
Aber auch sie war nur ein vorübergehendes Stadium der 
Selbstherrlichkeit. Am Ende sah man sich doch sehr objektiv 
in die Welt der Natur und Geschichte gestellt. Und indem 
man dies nun in der Form anerkennen mußte, daß man sich 
nicht mehr, zunächst auf dem Wege einer reflektierten Selbst— 
beobachtung, in sie verlor, begann man sich in eine neue, dritte 
Auffassung einzuleben. Diese Auffassung setzte die Welt der 
Gefühle nicht mehr bloß in Verhältnis zum menschlichen 
Innern, sondern vor allem auch zur Außenwelt, zur psychischen 
wie zur physischen, zu Natur und Geschichte. Indem dies ge— 
schah, war nun ein Doppeltes möglich. Entweder konnte sich 
der Widerspruch zum eigenen Ich mit einem Widerspruch zu 
der Welt der außer uns stehenden Erscheinungen kombinieren. 
Dann entstand ein Widerspruch des Subjektes zu jeglicher 
Wirklichkeit überhaupt: unvermittelt schieden sich Ideal und 
Wirklichkeit: und aus den Tiefen des Spaltes, der sie trennte, 
quoll der Weltschmerz der Romantik. Da kann denn das 
Individuum romantischer Zeiten tränenreich sein und leides— 
schwer; die Welt wird zum Friedhof der Menschheit, Todes— 
gedanken schweben um jedes Haupt; der Frühling wird zum 
Symbol eines Lebens, das da frühe welken wird; bleicher 
Mondschein beherrscht selbst den Tag, und der Gedanke des 
Unterganges alles Edlen auf Erden bricht herein. 
Aber auch eine zweite Lösung war denkbar. Das Indivi— 
duum ordnete sich, obwohl seines eigenen Wertes klar bewußt, 
in der frohen Erkenntnis eben eines letzten harmonischen 
Zusammenhanges seines Daseins mit dem des Alls diesem 
All ein und durchflog lobsingend und begeisterungsselig seine 
weiten Gefilde in Natur und Geschichte. Dann mußte eine 
reiche, wenn auch noch philosophisch mystische Durchdringung 
der allgemeinsten natürlichen und historischen Zusammenhänge 
die Folge sein, die sich nur langsam zu mehr objektiver Be— 
obachtung und Erforschung abklären konnte. 
In der romantischen Periode sind beide Möglichkeiten ver—
	        
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