Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 257
Während man aber so das Gebirge eroberte, erschloß
man in weiten Ritten und Fußfahrten auch mehr als je und
noch früher das platte Land; und tägliches Spazierengehen
aus Gesundheitsrücksichten wurde gewöhnlicher, während Pro—
fessor Baumgarten in Halle aus diesem Grunde noch Holz —
im Zimmer — gesägt hatte.
Ja sogar dem flüchtigen Elemente des Wassers in Strom
und See näherte man sich. Noch im 17. Jahrhundert war
in Deutschland im Freien gebadet worden, wie ein ansprechendes
und von seiner sonstigen Art abweichendes Bild Ph. Wouwermans
in der Liechtensteinischen Galerie beweist. Dann aber hatte
man sich von der Natur bis zu dem Grade zurückgezogen, daß
jedes Baden im Freien als unanständig galt. Nun brachte es
die neue Gesellschaft, und in ihr besonders die höheren Schichten,
wiederum zu Ansehen; mit als die ersten haben sich die jungen
Grafen Stolberg von neuem in freiem Wasser getummelt.
Gegen Schluß des Jahrhunderts verlief die Bewegung dann
so breit, daß, von den Schweriner Fürsten begründet, im Jahre
1793 zu Heiligendamm bei Doberan das erste deutsche Seebad
eröffnet werden konnte. Und noch heute stehen hier die ur—
sprünglichen Bauten, worunter der Festsaal im griechischen Stil
mit der Aufschrift in Giebelfeld:
Hic te laetitia invitat post balnea sanum.
Liief nun diese Annäherung an die Natur auf ein wirk—
liches Leben in ihr und auf Stählung des Körpers durch sie,
also auf ein im ganzen mehr unbewußtes Einordnen der
eigenen Person in sie hinaus, so wurde daneben, für die
geistige Entwicklung noch wichtiger, zugleich auch ein viel sub—
jektiveres Verhältnis des Menschen zur Natur überhaupt be—
gründet.
Auf dem Gebiete der Weltanschauung hatte die Teleologie
des Rationalismus zur Auffassung der Natur zunächst als der
Verkörperung eines allweisen Schöpfers geführt: eine Auf—
fassung, die für weite Kreise noch bis tief ins 19. Jahrhundert
hinein in aller Frische erhalten geblieben ist. Innerhalb dieses
Kamprecht. Deutsche Geschichte. VIII. 1. 17