250 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
die dann nach seinem Tode zum großen Teile von seinen
Schülern herausgegeben wurden.
Über Schelling suchte Hegel durch eine rationalere Er—
kenntnistheorie hinauszugelangen: eben in diesem Punkte zeigt
sich bei ihm auf rein philosophischem Gebiete am deutlichsten
der Fortschritt in der Richtung des Realismus. Schelling
hatte schon früh, um 1800, den Gegensatz des subjektiven Geistes
und der objektiven Natur in einer höheren Einheit, die nur
die Identität beider sein konnte, gelöst gedacht. Aber war es
ihm dann gelungen, diese von ihm als göttlich bezeichnete
Identität in der Art ihrer Auswirkung in Natur und Geist
anschaulich vorzustellen oder gar zu verstehen? Er fand keine
Möglichkeit, diese Auswirkung verstandesmäßig zu denken, und
gebrauchte daher eine mystifche Methode psychologischer In—
einssetzung des Denkenden mit dem Gedachten, die er, eine
volle contradictio in adjecto, „intellektuelle Anschauung“
nannte, und deren Anwendung, vornehmlich in der Aufstellung
der uns bekannten Emanationslehrel, ihn dem irrationellen
Tun seiner späteren Jahre zuführte.
Hegel suchte das Problem der Identität, in dessen Be—
arbeitung er sich mit Schelling traf, in anderer Weise zu lösen.
Er schaute das Element, das dem im Einzelsubjekt ausgeprägten
Geiste wie der Natur gemeinsam zugrunde liegen sollte, als
allgemeinen Geist, als göttliche reine Vernunft. Zur Ge—
winnung aber einer rein intellektuellen Vorstellung darüber,
wie denn nun diese Allgemeinheit zu Einzelgeist und Natur
habe führen können und müssen, zog er Gedanken, die schon
bei Fichte entwickelt waren, heran. Der dialektischen Lehre
Fichtes von These, Antithese und Synthese entsprechend be—
hauptete er, daß die allgemeine Vernunft so gut wie jeder
andere Begriff seinen Gegensatz, seine Nicht-Vernunft in sich
berge: und dieser Gegensatz sei die Natur. Zum vollen Bewußt⸗
sein ihrer selbst im Subjekt könne mithin die allgemeine Vernunft
nur gelangen, wenn sie diesen Gegensatz aus sich entlasse, die
S. oben S. 48 ff.