Full text: Die Handelspolitik und Handelsbilanz Österreich-Ungarns

Die Handelspolitik und Handelsbilanz 
Österreich-Ungarns. 
Von Richard Schüller. 
Vierzig Jahre lang bewegte sich die Handelspolitik fast aller 
Staaten — eine wichtige Ausnahme bildete nur Großbritannien — 
in der gleichen Richtung. Bei der Schaffung neuer, wie bei der 
Revision bestehender Zolltarife stand es voraus und mit Bestimmt 
heit fest, daß der Zollschutz immer wieder erhöht werden müsse. 
Gegenwärtig ist, zum ersten Mal seit den Siebzigerjahren des 
vorigen Jahrhunderts, der Kurs der Handelspolitik unsicher ge 
worden. In den Vereinigten Staaten von Amerika wurde eine 
Kongreßmehrheit gewählt, deren wichtigsten Programmpunkt die 
Ermäßigung der Zölle bildet. Auf dem europäischen Kontinente 
beginnt sich eine heftige Opposition gegen die prohibitiven Ten 
denzen geltend zu machen und im Zusammenhänge damit ändert 
sich die Gruppierung der politischen Parteien und wirtschaftlichen 
Korporationen. Im Deutschen Reiche ist allerdings vor kurzem 
von maßgebendster Stelle die Überzeugung ausgesprochen worden, 
daß Deutschland an seiner Zollpolitik festhalten werde, weil 
Handel und Industrie einen Aufschwung genommen haben, der 
den Neid des Auslandes erwecke, und weil auch die landwirt 
schaftliche Produktion stark zunehme. Wollten wir die gleiche 
Logik anwenden, so müßten wir aus unserer weniger befriedigenden 
wirtschaftlichen Entwicklung schließen, daßi wir unser handels 
politisches System ändern sollen. Beide Folgerungen wären nur 
beweiskräftig, wenn die allgemeine ökonomische Lage eines 
Staates von seinem Zollwesen allein abhängen würde. Um zu 
einem Urteil über die Handelspolitik zu gelangen, müssen 
wir ihre Wirkungen untersuchen. Für das seit dem Jahre 1906 
geltende handelspolitische Regime Österreich-Ungarns kann ich 
Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung. XXI. Band. 1 
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