Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  Optimisten.

365

ging  das  so  weit,  daß  er  dort  ohne  zu  großen  Widerstand  dem  gegen
ihn  von  Cobden  geführten  Feldzug  unterlag,  während  er  in  Frankreich ­
  die  Angriffe  Bastiat’s  siegreich  überstand;  und  wenn  er  kurz
darauf  durch  den  selbstherrlichen  Willen  Napoleons  III.  aufgehoben
wurde,  so  sollte  er  bald  darauf  nur  um  so  kräftiger  wieder  in  Erscheinung ­
  treten.
So  hatte  die  französische  Schule  gleichzeitig  zwei  Gegnern  die
Spitze  zu  bieten,  die  übrigens  in  ihren  Augen  nur  einer  waren,  denn
für  sie  war  die  Schutzzöllnerei  nur  eine  schlechte  Nachahmung  des
Sozialismus  und  als  solche  noch  hassenswerter,  weil  sie  yorgab,  das
Glück  der  Eigentümer  und  der  Fabrikanten,  also  der  Reichen,  zu
begründen,  während  der  Sozialismus  doch  wenigstens  das  Glück  der
Arbeiter,  also  der  Armen  erstrebte;  —  und  schädlicher,  weil  sie  schon
verwirklicht  war  und  ihre  Verwüstungen  offen  ausübte,  während
der  andere  glücklicherweise  noch  eine  Utopie  blieb.  Indem  die
französische  Schule  so  zwei  Gegner  zu  gleicher  Zeit  bekämpfen
mußte,  fand  sie  sich  in  der  vorteilhaften  Lage,  dem  Vorwurfe  der
Klassenadvokatie  zu  entgehen:  sie  konnte  antworten,  daß  sie  für  die
Gesamtheit  kämpfe.
Ein  100jähriger  Krieg  muß  selbstverständlich  bei  denen,  die
ihn  durchgefochten  haben,  seine  Spuren  hinterlassen;  das  genügt,  um
die  „apologetischen,  normativen  und  finalistischen“  Tendenzen  zu  erklären, ­
  die  man  der  französischen  Schule  so  oft  vorgeworfen  hat.
Wie  hat  sie  es  angefangen,  um  die  „gesunden  Doktrinen“  zu
verteidigen,  die  sie  oft  leichtfertig  mit  der  Wissenschaft  verwechselt
hat?  Hierauf  kommt  es  an.  Sie  sagte  sich:  das  ganze  Übel  stammt
von  den  Pessimisten.  Sie  sind  es,  die  durch  ihre  unheildrohenden
Voraussagungen  den  Glauben  an  die  Naturgesetze  und  an  die  selbsttätige ­
  Organisation  der  Gesellschaft  vernichtet  und  die  Menschen
dazu  getrieben  haben,  ein  besseres  Schicksal  in  künstlichen  Organisationen ­
  zu  suchen.  Es  ist  daher  vor  allem  notwendig,  um  die
kritische  Schule,  den  Sozialismus  und  das  Schutzzoll-System  zu  widerlegen, ­
  die  Wissenschaft  von  den  kompromittierenden  Lehren  Ricaedo’s
und  Malxhus’  zu  befreien  und  nachzuweisen,  daß  ihre  angeblichen
Gesetze  der  Grundlage  entbehren.  Es  kommt  darauf  an,  zu  zeigen,
daß  die  natürlichen  Gesetze  uns  nicht  ins  Unglück,  sondern  ins  Glück
führen,  wenn  auch  hin  und  wieder  auf  dem  Umwege  des  Übels;  daß
die  individuellen  Interessen  nur  scheinbar  antagonistisch,  in  Wahrheit
aber  dennoch  solidarisch  sind,  und  daß  es  genügt,  wie  BASxiAT_sagt,
wenn  „ein  jeder  sein  Interesse  verfolge,  wobei  sich  herausstellen
wird,  daß  jeder,  ohne  es  zu  wollen,  den  Interessen  der  Gesamtheit
dient“.  Kurz,  die  Anhänger  der  französischen  Schule  haben,  um  den
Pessimismus  zu  widerlegen,  sich  zu  Optimisten  gemacht.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.