198 Sige, Geburtenrüdgang und Sozialrefsrm
ber Neuanlage zugeführt wird. Nachweisbar ijt das nicht, aber eine
getwiffe Wahr heinlichteit fpricht dafıkr. Sewiß ft auch diefer Berbrauch nicht
unproduktiv — umgekehrt jt das Kapital dort wahrjcheinlich bejfer ver-
wendet als bei den Yunggefellen und Kinderarmen —, aber dieje Produk
tivität macht [ih erlt in einer weitern Zulunit, wenn die Kinder erwachjen
jind, geltend. In jedem Falle aber darf die Belaftung nicht fo weit gehen,
haß Kapitalijten und Kapital inz Ausland wandern — eine Gefahr, die wir
nicht fo fehr aus Mücficht auf die Perfonen, als auf das Kapital, deffen
wir jedenfall8 vorerft dringend bedürfen, vermeiden müjjen. Das Schluß
ergebnis der Erwägungen können wir aljo wohl dahin zujammenfaffen,
daß das gejamte Programm der Bevölferungspolitit fih jehr wohl in den
Kahmen einer gefunden und vorlichtigen WirtjhHaftzpolitik einfügen läßt
and daß auch hier Bolkswirtjhaft2» und Sozialpolitik fih gegenfeitig nicht
jeindlich find, fondern im richtigen Ausgleich wirkjam ergänzen und {tüßen.
XXI Hochachtung und Stärkung des Familienleben?
Der erihredende SGeburtenrücgang ift nur die Folgeer[heinung, das
Symptom einer jHweren innern Erirankung unfjere3 gefellidhaftlidhen
Organismus, |peziell der Familie. Ein Organismus, der innerlich gefund
At, wächit auch, erneuert fich, Hat au die natürlide Anlage und An-
martichaft auf Vermehrung und Fortpflanzung, Joweit die äußern Be-
yingungen: Licht, Luft, Nahrung ujw., gegeben find. Das gilt auch für die
Kamilie, Der Sozialpolitik obliegt es, dieje äußern Bedingungen zu [Haffen
der fie noch günftiger zu geftalten. Eine Fülle von Aufgaben hHarrt der
Qöfung; fie alle aber finden ihr gemeinjames Ziel in der Feftigung und
Förderung des Familienleben. Hier liegt der Kernpunkt des Problems.
Mit den Einzelmaßnahmen allein Lommen wir nicht weiter. Die Haupt-
iache bleibt der gute Wilke der :Cheleute, die herfönlidhe Bereitjchaft,
bie großen Opfer, die troß aller fozialpolitijchen Erleichterungen Die
Rinderaufzucht mit fih bringt, auf fid) zu nehmen. Man denke nur an
die Bejchwerden der SchwangerjHaft, die EShmerzen und Gefahren des
MWochenbette8, die unendlhen Mühen und Sorgen der Kinderpilege
bei Tag und Nacht, in gefunden und kranken Zagen. Glaubt man im Ernit,
alle dieje Opfer ließen fidh etwa durd) Prämien oder durch Verforgung
in ftaatlihen Wöchnerinnenheimen ausgleichen? Und denke man ji weiter,
daß, wie fozialiftijche‘ Träumer e8 fig ausgemalt Haben, die aller ehelichen
Banden „freie“ Mutter, naddem fie ihren Dienft als „Sebärmajchine“
gegen Empfang der feltgefeßten Bezahlung in bar und Naturalverpfler
gung getan Hat, dann auf fich felbft geftellt, vielleicht mehr oder weniger
dauernd gefhwächt durd) das Wochenbett, wieder dem Erwerb nachgehen
joll! Und weld eine feelijdhe VBerarmung für Mutter und Kind, weld
ine Entmürdigung, die Mutterjchaft allein mit Staatziold zu entlohnen 1