Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel IV. Die Anarchisten. 
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Werken Peoüdhon’s. Lange Zeit vergessen, obgleich es bei seinem 
Erscheinen einen lauten, aber nur vorübergehenden Erfolg zu ver 
zeichnen hatte, ist dieses Buch vor etwa 15 Jahren wieder ausgegraben 
worden, als die Gedanken Nietzsche’® die große literarische Volks 
tümlichkeit gewonnen hatten, die auch heute noch andauert. Man 
entdeckte damals, daß Nietzsche einen Vorläufer gehabt hatte, — 
dessen Existenz ihm selbst wahrscheinlich unbekannt geblieben war 
— und Stienee hat als erster der „Immoralisten“ eine posthume 
Berühmtheit erlangt. Es ist nötig, hierüber einige Worte zu sagen, 
sei es auch nur um auf die wichtigsten Punkte hinzuweisen, die 
seine Lehre von dem Anarchismus Peoudhon’s, Bakünin’s oder Kro- 
potkin’s unterscheiden 1 ). 
§ 1. Der philosophische Anarchismus Stienee’s und die 
Anbetung des ICH. 
Das Buch Stienee’s macht den Eindruck eines schlechten Scherzes. 
Um seinen Ursprung zu verstehen, muß man sich in die Zeit und das 
besondere Milieu zurückversetzen, in dem es entstanden ist. Stienee 
gehört zu jener Gruppe von jungen deutschen Radikalen und Demo 
kraten, die seit 1840, von Feueebäch angeregt, sich um Bruno Bauee 
scharten und die extremen Folgerungen der hegelianischen Philosophie 
zogen. Ihr Ideal war die Verwirklichung der völligen Geistesfreiheit. 
Im Namen dieser Freiheit kritisierten sie alles, was ihr entgegen zu 
stehen schien, und griffen übrigens ebenso den gerade aufkommen 
den Kommunismus, wie das offizielle Christentum der Theologen und 
den Absolutismus der Regierungen an. Aus ihnen gingen die intellek 
tuellen Koryphäen der deutschen Revolution von 1848 hervor, und * i) 
Einzelheiten in dem Werk seines Schülers J.-H. Mackay; Max Stirner, sein 
Leben und sein Werk (Berlin 1898, 260 Seiten), dem wir die verschiedenen 
Einzelheiten, die der Text bringt, entnehmen. Der wirkliche Name Stirnek’s war 
Kaspar Schmidt. Er wurde 1806 in Bayreuth in Bayern geboren und starb 1856 
in Berlin im tiefsten Elend und fast vollständig verlassen. Über die Ideen der 
„Hegelianischen Linken“ und über Stirner wird man mit Interesse die Aufsätze 
Saint-EeniS Taillandiek’s lesen, die zwischen 1842 und 1850 in der Revue des 
Deux Mondes erschienen. 
i) Man wird sich vielleicht wundern, daß wir hier nicht auf Nietzsche ein- 
gehen, da wir in ihm einen Nachfolger Stirnee’s sehen. In Wirklichkeit ist Nietzsche 
aber fast ausschließlich Philosoph und Moralist. Das Buch Stihnbr’s dagegen hat 
eine hauptsächlich soziale und politische Tragweite. Wir geben zu, daß auch das Werk 
Stihnbr’s nur noch ziemßch entfernt mit der Volkswirtschaft in Verbindung steht, 
und daß es vielleicht mit mehr Recht in einer Geschichte der politischen Doktrinen 
seinen Platz finden würde, Eine Untersuchung der Ideen Nietzsohb’s würde uns 
noch weiter von dem eigentlichen Bereich der vorliegenden Geschichte entfernen, 
die nicht das Studium aller individualistischen Doktrinen umfaßt.
	        
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