Schlußwort.
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sich nicht darum sorgt, vorzuschreiben, was sein soll, sondern einfach,
das zu erklären und zu verstehen, was ist. Die Überlegenheit einer
Theorie mißt sich einzig an ihrem erklärenden Wert. Es ist von
geringer Bedeutung, ob man dann in der Praxis Interventionist oder
liberal, Protektionist oder Freihändler, Sozialist oder Individualist
sei: jeder wahrhaftige Geist beugt sich notwendigerweise vor einer
genauen Beobachtung oder einer befriedigenden Erklärung.
Während nun so die Verschiedenheiten der Schulen das Bestreben
zeigen, sich in der Einheit der besser verstandenen Wissenschaft
aufzulösen, sieht man im Hintergründe sich neue Unterscheidungen
bilden, die, weniger scholastisch und fruchtbringender für den Fort
schritt der Wissenschaft, einen neuen Fächer unter dem alten zu
bilden scheinen.
Zunächst tritt in der Methode der Unterschied zwischen reiner
Ökonomie und beschreibender Ökonomie immer schärfer
hervor, oder wenn man dies vorzieht: die Unterscheidung zwischen
der theoretischen Systematisation und der Beobachtung der wirklichen
Tatsachen, — zwei Uutersuchungsarten, die gleichmäßig notwendig
sind, und die geistigen Begabungen entsprechen, die nur selten in
der gleichen Person sich vereinigt finden. Die volkswirtschaftliche
Wissenschaft kann aber weder der Theorie noch der Beobachtung
entraten. Wir empfinden heute noch ebenso brennend wie früher den
Wunsch, die wirtschaftlichen Geschehnisse in ihrer Verkettung zu
begreifen und ihre gegenseitigen Beziehungen zu verstehen. Wenn
aber auf der anderen Seite die wirtschaftliche Organisation der Welt
in beständiger Umformung begriffen ist, wenn die Form und das
Wesen der Industrie und des Handels sich täglich ändern, wie wäre
es möglich, daß wir darauf verzichten könnten, diese Vorgänge zu
beobachten und von neuem zu beschreiben ? So entwickeln sich beide
Methoden gleichzeitig unter unseren Augen und schreiten gleichzeitig
vorwärts. Ihr heftiger Streit um die Vorherrschaft scheint heute
endgültig beigelegt.
Und weiterhin sehen wir, wie die volkswirtschaftliche Wissen
schaft sich in verschiedene Wissenschaften zerlegt, die das Bestreben
haben, mehr und mehr selbständig zu werden. Diese Trennung be
deutet aber nicht länger den Kampf, sondern einfach die Arbeits
teilung.
In ihren Anfängen war die ganze wirtschaftliche Wissenschaft
in ein oder zwei Bänden beschlossen. Unter den drei großen Teil
überschriften: Produktion, Verbrauch, Güterverteilung glaubten Say
und seine Nachfolger, leicht die Theorien und die wesentlichen Tat
sachen zusammenfassen zu können, deren Kenntnis damals genügte,
einen Volkswirtschaftler zu bilden. Seitdem hat sich unsere Wissen-