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anwachsender Großteil unserer Produktion sowohl hinsichtlich der Beschaffung
der Rohstoffe wie auch hinsichtlich des Absatzes der im Jnlande hergestellten
Waren auf den Weltmarkt angewiesen ist. Neben Industrie und Gewerbe hat
die Land- und Forstwirtschaft eine überaus große Bedeutung für unseren Außen
handel behalten, wenngleich hier sehr wichtige Veränderungen im Laufe der
Jahrzehnte sich ergeben haben. Landwirtschaft und Industrie sind demnach beide
an der Handelspolitik lebhaftest interessiert. In diesem Interesse, das in mancher
Beziehung bei oberflächlicher Beurteilung ein entgegengesetztes zu sein scheint,
findet man auch die Erklärung, weshalb in neuester Zeit die h a n d e l s p o l i-
tischen Kämpfe die Volksmassen so aufrütteln, mit
anderen Worten, weshalb sie zuJnteressenkämpfen auf brei
te st e r Basis geworden sind.
Systeme der Handelspolitik.
Seit die einzelnen Länder der Welt aus ihrer Abgeschlossenheit mehr
herausgetreten und stärker in gegenseitigen Verkehr eingetreten sind, haben
die Systeme der Handelspolitik wiederholt gewechselt. In unserem
Vaterlande herrschte bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts das
sogenannte Prohibitivsystem (Verbotssystem), d. h. man verbot
die Ausfuhr von Rohstoffen, insbesondere Gold usw., die man im Laude
selbst verarbeiten, bzw. behalten wollte, und verbot die Einfuhr von Fabrikaten,
die im Lande selbst erzeugt wurden, das Land wurde also von seinen Nachbarn
mehr oder weniger streng abgesperrt. Später wurden die Verbote durch über
aus hohe Zölle ersetzt, die zum Wert der Ware in keinem Verhältnisse standen.
Dieses System ermöglichte, daß allmählich die Industrie sich entwickelte
und erstarkte. Ein Grundgedanke dieses Systems war, daseigeneLand
vom Ausland nröglichst unabhängig zu machen und tun
lichst alles, was man im Lande brauchte, auch im Lande selbst zu erzeugen.
So richtig an und für sich dieser Gedanke ist, so hat doch mit der fortschreitenden
Entwicklung des Wirtschaftslebens das Verbotssystem sich als ein schweres
Hindernis gezeigt. Es gewährte nicht bloß Schutz, sondern ein förmliches
Monopol: die Bevölkerung mußte infolge der Höhe der Zölle einfach die
Waren kaufen, die im Jnlande erzeugt wurden, und die Preise bezahlen,
welche die betreffenden Erzeuger verlangten. Nach dem. ersten, wenn auch
vorläufig nicht entscheidenden Siege des politischen Liberalismus im Jahre 1848
trat auch an Stelle des Verbotssystems, das so ganz der absolutistischen Zeit
entsprach, ein liberales, das sogenannte F r e i h a n d e ls s y st e m.
Freihandel.
Die Anhänger des Freihandelsgedankens verlangen, daß zwischen den
einzelnen Ländern überhaupt keine Zollgrenzen bestehen
dürfen. Die Waren sollten von einem Lande in das andere ohne Hindernis
und ohne Zollaufschläge ein- und ausgeführt werden können. Im Sinne des
Freihandels soll an die Stelle der Selbstgenügsamkeit eines Volkes oder Landes
die weltwirtschaftliche Befriedigung treten. Man sagte und sagt in diesen