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staat war und vielfach andere handelspolitische Interessen verfolgte als das
industriereiche Oesterreich. Durch eine kluge und energische Jndustriepolitik
gelang es den ungarischen Regierungen, in ihrem Lande heimische Industrien
zu schaffen und in die Höhe zu bringen. Die junge ungarische Industrie nun hat
dieselben, wenn nicht stärkere Schutzinteressen wie die um so vieles ältere,
kapitalkräftigere und leistungsfähigere österreichische Industrie. So bildete
sich. einerseits zwischen den Organisationen der Landwirte in Oesterreich
und Ungarn, andererseits zwischen denen der Industriellen in beiden Staaten,
allmählich ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und
der Interessengemeinschaft heraus. Schon ist dies so weit ge
diehen, daß gemeinsame Tagungen stattfinden. Darum ist die
hoffnungsvolle Auffassung wohl begründet, daß durch die neuzeitliche Wirt
schaftsentwicklung Oesterreich und Ungarn immer stärker aneinander gekettet
werden. In diesem freiwilligen Zusammentreten von Korporationen, die vor
noch nicht gar zu langer Zeit feindselig oder doch mißtrauisch einander gegen
über standen, erblicken wir auch den Beweis für die Notwendigkeit und Be
rechtigung eines Reichszollparlamentes. Die handelspolitischen
Fragen sollten soviel als möglich losgelöst vom politischen Tagesstreite, in
gemeinsamer Beratung der Vertreter aller drei Teile der Habsburger-
Monarchie: Oesterreichs, Ungarns und Bosnien-Herzegowinas, zur Lösung
gelangen. Die Gemeinsamkeit der Interessen der Industrie einerseits und der
Landwirtschaft andererseits hüben und drüben zwingt dazu, die Schaffung
eines Reichszollparlamentes als eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten
Zeit zu betrachten.