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besondere Standesehre. So dünkt sich in seinem stolzen Standes
bewußtsein der Adelige erhaben über den Bürgerlichen, der Offizier
über den Civilisten, der Beamte über den Nichtbeamtcn, der Meister
über den Gesellen, dieser über den Lehrburschen, der Landschafts
oder Portraitmaler über den Stubcnmaler und dieser über den
Anstreicher, der Kunstschlosser über den Fabrikschlosser u. s. w.
Die Standesehre ist bekanntlich am schärfsten im Militair- und
Bcamtenstande ausgebildet, weil hier Leistungen beansprucht werden,
die nach dem gewöhnlichen Lohngesetze nicht bezahlt werden können;
von dem Beamten wird Hingebung der ganzen Persönlichkeit an
seinen Beruf gefordert; von dem Soldaten das Opfer des Lebens
im Kriege und der Freiheit im Frieden, indem er sich unter die
strengste Disciplin stellen muß. Zu solchen Opfern versteht sich
der Mensch nur dann, wenn der mächtigste Trieb aller edleren
Naturen, der Trieb der Ehre, ihn dazu anspornt. Der Ehrtrieb
vermag Außerordentliches zu leisten, er befähigt zu Anstrengungen
und Aufopferungen aller Art. Ja, um standesgemäß vor der Welt
auftreten zu können, legen gering besoldete Offiziere unb Beamte
sich willig die möglichsten Entbehrungen im Essen, Trinken und in
Vergnügungen auf. llnb sind es nicht Künstler und Gelehrte, die
häufig nur in der Ehre und dem Nachrühme einen Ersatz für die
kärgliche Bezahlung ihrer Leistungen finden? llnd gewahren wir
nicht selbst inmitten der socialistischen Fabrikarbeiter eine Anzahl
von Familien als bessere Gesellschaft, gleichsam eine Arbeiter
aristokratie der Wohlanständigkcit herausgebildet, die sich gesondert
hält und trotz des Strebens nach allgemeiner Gleichheit sehr cmpfind-
lich ist, weiln mall sie mit der großen Masse alls einen Haufen
werfen will? Im Emporkommen sich befiildend, fordcril sie Don
den andern Arbeitern, es ihnen gleich zu thun, um ihnen gleich zu
werden; herabsteigen wollen sie nicht und von dem, lvas sic mühsam
erspart haben, lvas ihnen und ihren Kindern zu gute kommen soll,
für die Unordentlichen, Faulen und Vagabuildeil Etwas herzugeben,
liegt ihnen erst recht wer weiß wie fern.