37
t
Wird das Papiergeld ben Bauern, wenn cs en masse förmlich
in ihn hineingestopft wird, tatsächlich bewegen, nun all' sein Getreide
abzuliefern, oder wird cs ihn nicht zur Spekulation veranlassen, ab
zuwarten, bis unsere Krone noch mehr sinkt, er also dann noch mehr
Geld bekommen kann — oder wird er es nicht schließlich vorziehen, auf
seiner Ware sitzen zu bleiben, weil er überhaupt kein Papiergeld mehr
nehmen will, von dem er genug hat, gleich dem ukrainischen Bauern, der
oas Papiergeld, nicht mehr zählte, sondern wog, und als ihm unser
österreichisches Militär immer höhere Preise bot, Getreide gegen Geld
überhaupt nicht mehr abgab. *)
Der Amerikaner, der seine» Dollar in Kronen umrechnet, wird
unseren Getreidcpreis sicher billig finden, aber der Österreicher rechnet
doch noch zumindest mit einem höheren Bruchteil des Nominales, als
dem Züricher Kurs entspricht. Tatsächlich ist ja auch der Jnlandswert
der Krone höher, ja er ist sogar in verschiedenen Gebieten Österreichs
verschieden hoch. Die Lohn- und Einkommenverhältnisse der Sticht-
Produzenten können ja unmöglich der Entwertung unseres Geldes im
AuSlaude ganz angepaßt werde», und da eine weitere Einschränkung
der elementaren Lcbensmittelbcdürfnisse nicht möglich ist — von
kulturellen Bedürfnissen gar nicht zu reden — müßte eine sofortige
allgemeine „Anpassung" der Preise der inländischen Lebensnüttel an den
Tiefstand unserer Krone im Auslande geradezu revolutionierend wirken.
Hiermit hängt das Problem, das uns die Preise der aus
ländischen Lebensmittel stellen, innig zusammen. Seit längerer Zeit
leben wir fast ausschließlich von ausländischen Zufuhren. Seit Beginn
des Jahres bis in den Sommer hinein wurden die Importe größtenteils
gedeckt aus Grund des bekannten Entcntekredites von 48 Millionen Dollars.
Die kreditierten Lebensmittel wurden zu einem Preise abgegeben, der
zu einer Zeit wesentlich höheren Kursstandes unserer Krone berechnet
worden ist. Selbst bei Anrechnung des wesentlich günstigeren Kurs
standes zur Zeit der Einfuhr kamen die Preise der bezogenen Lebens
mittel noch immer höher als die Preise der inländischen Lebensmittel,
iveshalb die Regierung einen Teil der berechneten Differenz auf den
Staatssäckel übernommen hat. Da die Kreditbedingungen, insbesondere
dw Rnckzahlungsmodalitäten uns noch nicht bekanntgegeben sind, ist es
unmöglich, den dem Staate ans der Abgabe der Lebensmittel erwachsenen
*) Siehe meinen Artikel „Getreidepreise", „Neue freie Presse" vom
1. November 191t).