II. Akratie und Aristagie.
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Einfluß des Präsidenten und seiner nächsten Räte be
schränken einander gegenseitig und höchstens die Ver
hältnisse des Schweizer Kantons Inner-Rhoden, wo
sich die Landgemeinde noch ans einer Wiese versam
melt, böte ein wahres Analogon zu den relativ ein
fachen Zuständen, in denen Wort, und Begriff einer
Demokratie gebildet wurde.
Das „ganze Volk" soll nicht herrschen, weil es nicht
herrschen kanM, auch bei den Griechen nicht; und
weil bei uns, in den Millionenstaaten ohne Sklaverei,
nichts mehr da ist, über das dann geherrscht werden
könnte. Wenn man in der Art der Kantschen Frage
stellung das Problem so stellt: ist Demokratie möglich
und wenn, wie und wo ist sie möglich?, so kann man nur
antworten: höchstens in ganz kleinen Verhältnissen;
in modernen Millionenstaaten ist sie unmöglich. Nur
der gedankenlose Gebrauch dieses Wortes kann darüber
täuschen; jede wirklich realisierte vermeintliche Demo
kratie ist tatsächlich eine Oligarchie und man sollte nie
fragen, was ist frei, sondern welcher Stand oder Gruppe
herrscht tatsächlich.
Der Begriff Demokratie hat nun auch eine negative
Seite: den Gegensatz zu einer Aristokratie. Auch hier
verführ die Begriffsbildung nicht sehr logisch; denn eine
Kaste oder Gruppe Einzelner — mag man das für-
wünschenswert halten oder nicht — kann wenigstens
eine absolute Gewalt ausüben; eine Menge aber nicht
oder nur ganz indirekt. Bekennt man sich zu dem Ideal
der Akratie, so schließt das natürlich beides aus; es soll
eben niemand, unter welchem Titel es auch sei, schran
kenlose Macht haben. Diese allgemeine Negation
machte jene spezielle unnötig, die ihre historische Be