Full text : Die Konsumtion

Wertmaßstäbe  der  Konsumtion.

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§  4

mehr  oder  weniger  ausgereiften  Ideen  der  erschöpften  Phantasie  gewerbsmäßiger
Modemacher  aufhilft  und  die  Zügel  an  sich  reißt 1 );  auch  sie  findet  eine  folgsame
Kundschaft.  Am  ehesten  wird  eine  solche  Einflußnahme  auf  die  Fabrikation  von
Gütern  länger  dauernden  Gebrauchs  gelingen,  wie  Wohnung  und  Wohnungseinrichtung, ­
  im  Gegensatz  zu  Kleidungsstücken,  bei  denen  die  atemlose  Saisonmode
herrscht,  regiert  vom  Schneider  und  von  den  Löwinnen  der  Bühne  und  der  Halbwelt. ­
  Selbst  Konsumentenvereine  für  Verbesserung  der  Frauenkleidung  oder  der
Männertracht,  wie  sie  neuerdings  versucht  worden  sind,  dürften  auf  diesem  Lieblingsgebiete ­
  der  Mode  ebenso  einflußarm  bleiben,  wie  in  einem  ähnlichen  Falle  Hausfrauenvereine ­
  in  der  Preisbildung  des  Nahrungsmarkts;  die  Zahl  der  Konsumenten  ist
größer,  das  Interesse  jedes  Einzelnen  kleiner,  als  Zahl  und  Interesse  der  Produzenten.
Kaum  jemals  werden  diese  konventionellen  Aufwendungen  ganz  willkürlich  gewählt, ­
  sondern  sie  knüpfen  zunächst  an  wirklich  empfundene  Bedürfnisse  an.  Man
hat  mit  Recht  hervorgehoben,  daß  die  natürlichen  Existenzbedürfnisse  des  Menschen
im  Ablauf  der  Kulturgeschichte  durch  ästhetische  und  sittliche  Modifikationen  verfeinert ­
  und,  ihrem  wirtschaftlichen  Werte  nach,  gesteigert  werden.  Diese  Verfeinerung ­
  natürlicher  Bedürfnisse  ist  wohl  überall  die  erste  Stufe  im  Aufstieg  der
Lebenshaltung.  Man  will  nicht  nur  den  Hunger  und  Durst  stillen,  sondern  auch  die
damit  verbundenen  Lustgefühle  steigern;  die  Kleidung  soll  den  Körper  nicht  nur
wärmen,  sondern  auch  schmücken;  vollends  die  Gestaltung  des  Hauses  wird  durch
ästhetische,  sittliche,  gesellschaftliche  Zwecke  beherrscht.  Ueberall  werden  die  natürlichen ­
  Bedürfnisse  mit  einem  kostspieligen  Blätterschmucke  umkleidet,  und  man
kann  diesen  bei  wohlwollender  Deutung  in  den  meisten  Fällen  auch  als  den  Träger
eines  kulturellen  Fortschritts  ansprechen,  ganz  besonders  im  Falle  der  Verfeinerung
des  Wohnens,  die  auf  höherer  Kulturstufe  der  Pflege  des  Essens  den  Rang  abläuft 2 ).
Wir  wollen  uns  darum  dieses  Schmuckes  freuen,  ohne  ihn  zu  überschätzen.  Es  ist
freilich  großenteils  nur  eine  Art  optischer  Täuschung,  wenn  wir,  an  den  Komfort
moderner  Wohnungen  gewöhnt,  die  rohen  Holzdielen  unserer  Vorfahren  für  weniger
zivilisiert  halten;  wir  brauchen  nur  an  Goethes  Haus  zu  denken,  dem  „fast  alle  die
Verfeinerungen  fehlten,  die  uns  heute  unentbehrlich  dünken,  wenn  wir  uns  in  unserer
Wohnung  wohl  fühlen  sollen“;  nicht  die  Kultur,  sondern  unsere  konventionell  bedingten ­
  Ansprüche  sind  fortgeschritten.  Womit  nicht  in  Abrede  gestellt  wird,  daß
manche  Ansprüche,  an  die  der  Mensch  sich  in  den  letzten  Jahrzehnten  gewöhnt  hat,
auch  Kulturwert  besitzen.
3.  Zur  Steigerung  des  Niveaus  der  Lebenshaltung  wirkt  außer  den  wachsenden
sozialen  Ansprüchen  ein  fatales  Naturgesetz  mit,  das  zur  Würdigung  des  Konsumtionsfortschritts ­
  nicht  außer  Acht  bleiben  darf:  die  Gewöhnung.  Sie  steigert
das  Bedürfnis  und  schwächt  die  Genußempfindung.  Sie  wirkt  wie  ein  Widerhaken,
der  die  Rückkehr  zu  anspruchsloserer  Lebenshaltung  aufs  äußerste  erschwert.
Jede  Verbesserung  der  Lebenshaltung,  wenn  sie  über  den  natürlichen  Existenzbedarf ­
  hinausgeht,  tritt  zuerst  als  Luxus  in  die  Erscheinung;  sie  wird  zum  Bestandteile ­
  des  Existenzbedarfs,  wenn  sie  eine  Zeitlang  angedauert  und  im  Standeskodex ­
  Aufnahme  gefunden  hat.  Mit  diesem  sozialen  Zwange  geht  aber  Hand  in  Hand
die  physiologische  oder  psychophysische  Steigerung  der  Bedürftigkeit.  Es  gibt
keinen  Wunsch,  der  nicht  durch  regelmäßig  wiederkehrende  Befriedigung  zum  empfindlichen ­
  Bedürfnis  wird.  Die  halbe  Flasche  Wein,  die  Herr  Schulze  zum  Mittagessen, ­
  oder  die  Zigarre,  die  er  zum  Nachmittagskaffee  sich  angewöhnt  hat,  bereitet
ihm  Unbehagen,  sobald  sie  ihm  wieder  entzogen  wird;  schon  glaubt  er  diese  Güter
nicht  mehr  entbehren  zu  können  3 ).  Ebenso  wird  die  zuerst  nur  aus  sozialen  GrünJ ­

 )  Im  übrigen  sind  wirtschaftliche  Mode  und  künstlerische  Mode  nicht  wesensgleich.

2 )  Erbweisheitsspruch  des  modern  zivilisierten  Mittelstands:  Wohne  über  deinem  Stande,  !
kleide  dich  nach  deinem  Stande,  iß  und  trink  unter  deinem  Stande.

f)  Vgl.  P  a  u  1  s  e  n  ,  System  der  Ethik,  2.  Aufl.,  Berlin  1891,  S.  424:  „Ich  gestehe,  daß
es  mir  trotz  vieljähriger  Erfahrung  zweifelhaft  geblieben  ist,  ob  das  Rauchen  mehr  Genuß  oder
Plage  macht.  Ob  jemals  ein  Vater  mit  Freuden  sah,  daß  seine  Söhne  und  Töchter  es  lernten?“
            
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