118 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 4
den eingeführte Konsumtion allmählich zum wirklichen individuellen Bedürfnis,
das mit steigender Unlust droht, wenn es nicht immer neue Befriedigung erhält.
Durch diesen sanften Druck sieht sich der Konsument in immer neue Bedürfnisse
verstrickt, und das Bedauerlichste ist, daß diese Aufwendungen ihm mit abnehmender
Genußempfindung lohnen. Denn gerade solche Bedürfnisse, die über
das bare Existenzminimum hinausgehen, unterliegen mehr oder weniger einem Gesetz
der Abstumpfung. Abstumpfung ist nicht zu verwechseln mit Sättigung.
Wohl führt die Befriedigung auch des elementarsten Bedürfnisses zu einer Sättigung,
die für jede weitere Konsumtion zurzeit dankt. Während aber das elementare Bedürfnis
sich nach einem von der Natur abgemessenen Zeitraum wohl annähernd in
der vorigen Stärke wiederholt und für den Fall der Befriedigung unverminderten
Genuß verheißt, entbehren die in zweiter Reihe stehenden Bedürfnisse dieser Beständigkeit
und scheinen vielmehr den Konsumenten, der Befriedigung sucht, zum
Besten zu halten; nach ausgeklungener Befriedigung ersteht ein solches Bedürfnis
in verstärktem Maße neu, während die erneute Befriedigung nur noch einen abgeschwächten
Genußreiz auslöst. Man kann Brot mit Salz zur Stillung des Hungers
täglich annähernd mit der gleichen Befriedigung essen, während der täglich wiederholte
Verbrauch von Caviar zum zweiten Frühstück bald von abnehmend freudigen
Gefühlen begleitet wäre 1 ). So kommt es, daß der durch seine konsumtiven Antecedentien
belastete Konsument sich nicht nur in zunehmendem Maße um den Lohn der
Aufwendungen für seine Wohlfahrt betrogen, sondern auch sukzessive auf eine
immer schmälere Auswahl von für ihn noch nicht ausgeleierten Genußmitteln beschränkt
sieht. Auch die Aufnahmefähigkeit für geistige Genüsse (wenn es passive
Genüsse sind), obwohl sie sich durch eine größere Zähigkeit und Dehnbarkeit auszeichnet,
muß doch diesem Naturgesetz der Abstumpfung Tribut geben; selbst der
Liebhaber wird dasselbe Musikstück beliebig oft nicht mit unverminderter Freude
geigen hören. Es ist eine Art optischer Täuschung bei der Vorstellung der Luxuskonsumtion;
wir denken gern an den Uebergang zum Luxus mehr als an den Beharrungszustand.
Der Konsument muß immer lavieren und abwechseln 2 ), um die
progressive individuelle Entwertung der erkauften Genüsse wenigstens abzuschwächen.
Sowohl die soziale Rivalität wie das physiologische Naturgesetz fordern
immer gesteigerten Aufwand für den Bereich der Genußkonsumtion. Man frage
den durchschnittlichen Hausvater, ob ihm nicht, in diesem niederträchtigen Wettlauf
der oktroyierten sozialen Ansprüche, unabhängig von der Stufe seines Einkommens
immer noch gerade 10—20% seines Einkommens fehlen, um das soziale
Existenzminimum seiner Familie zu decken; man frage die durchschnittliche Hausfrau,
ob ihr nicht auch in einer geräumigen Wohnung, an die sie sich aber schon
gewöhnt hat, gerade noch nur ein Zimmer fehlt, und am Wirtschaftsgelde wieder die
obigen 10—20% fehlen; es scheint, das Bedürfnis des leidlich genügsamen Menschen
ist leider gleich 110—120% seines jeweiligen Einkommens 3 ).
J ) Andererseits ist auch fortgesetzte Nichtbefriedigung eines Bedürfnisses geeignet, dessen
Stärke schließlich zu vermindern.
2 ) Selbst in der Ernährung. Vgl. H i n d h e d e , Eine Reform unserer Ernährung, Leipzig
1908, S. 196 f.: „Auf der Gewinnseite“ (der von Hindhede empfohlenen fleischarmen Kost)
„finden sich:... 2. der vorzügliche Appetit, der bewirkt, daß ein Stück Schwarzbrot mit Butter
und einer dünnen Scheibe einfachen Meiereikäses mir weit besser schmeckt als die feinste
Delikatesse dem Lebemann. Für mich besteht nach vieljährigen Erfahrungen darüber kein
Zweifel, daß die „Freuden der Tafel“ dadurch, daß man wenig ißt und einfach ißt, sehr erhöht
werden. Ich brauche nur einen Blick auf das Gesicht des Lebemanns zu werfen, wenn
er nicht weiß, welche Leckerei er essen soll, um mir mit einem Schlage hierüber klar zu werden.
t Es ist erstaunlich und für Viele unglaublich, daß man der einfachen Kost nicht überdrüssig
wird, dagegen aber sehr bald der Luxuskost (vgl. die Erfahrungen der Sanatorien).“
3 ) Sombart, Die deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert, 1903, S. 480: „Aber
gerade dieser Reichtum ist es, der uns zum Sklaven unserer Bedürfnisse gemacht hat. Wuchsen
die Fähigkeiten, unsern Bedarf an Sachgütern zu befriedigen, so ist dieser Bedarf selber
immer um eine Nasenlänge den Mitteln zu seiner Befriedigung voraufgeeilt.“