Full text: Die Konsumtion

Moderne Wandlungen der Konsumtion. 
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§ 7 
Das Eiweiß, das neben einem starken Wassergehalt im magern Fleisch vorwiegt, 
hat nicht mehr Nährwert als die gleiche Menge Kohlehydrate; aber es ist Eiweiß, 
und daneben wird das Fleisch wohl hauptsächlich seiner vorzüglichen kulinarischen 
Eigenschaften wegen vom Städter bevorzugt 1 ). „Diese Eigenschaften sind aber 
nicht etwa als ein wertloser Gaumenkitzel, sondern als objektiv bedeutungsvolle 
Besonderheiten zu bewerten. Es ist ein alter Erfahrungssatz, daß durch Arbeit 
der Appetit besonders gesteigert wird, und daß man dann selbst mit einfachen Nah 
rungsmitteln ohne alle besonderen Kochkünste auskommt. Der Magen eines mecha 
nischen Berufsarbeiters oder sporttreibenden Menschen verträgt nicht nur die Nah 
rung besser als ein Stubenhocker, sondern er ist auch in jeder Richtung genügsamer. 
Am meisten finden wir das Streben nach einer reizvollen Kost bei Menschen mit 
angestrengter geistiger Arbeit, die sich jede Muskelleistung versagen.“ Diese be 
sonderen Ansprüche des städtischen Konsumenten sind zu beachten bei Voits For 
derung: 118 g Eiweiß, und davon 35% in der Form des Fleisches. 
12. Der „Fleischreiz“ belebt nicht nur den notleidenden Appetit, sondern för 
dert durch die Extraktivstoffe des Fleisches auch die Tätigkeit der Verdauungs 
drüsen. Geistige Arbeiter nehmen gern auch scharfe Gewürze im Uebermaß hinzu, 
um vom Alkohol, Kaffee und Tee nicht zu reden; während Brot und andere stärke 
mehlhaltige Nahrungsmittel auch durch den Süßreiz des Zuckers noch etwas weiter 
zurückgedrängt werden. Angenommen, diese Reizmittel erreichen ihren Zweck, so 
hinterlassen sie doch Nebenwirkungen 2 ). „Es entstehen Stoffwechselkrank 
heiten, alle jene Krankheiten, die dann oft sehr langdauernde wiederholte Bäder 
kuren und ähnliches notwendig machen.“ Sowohl die Kosten dieser Kuren wie der 
Ausfall an Arbeitsfähigkeit sind zu Lasten der städtischen Lebensverteuerung zu 
buchen. Ebenso bedrohen die bekannten Krankheiten des chronischen Alkohol 
konsumenten gerade den Städter bei seinem weit geringeren Nahrungsumsatz in er 
höhtem Maße 3 ), auch wenn man das besondere Uebermaß des städtischen Alkohol 
konsums nicht in Anschlag bringt. Er trinkt mehr und verträgt weniger. 
Die schweren spezifischen Krankheiten bei reichlicher Fleischnahrung beginnen, 
abgesehen vom Kindesalter, mit den 30er und 40er Jahren 4 * ); zu ihnen zählt außer 
Gicht und Rheumatismus namentlich auch die Arterienverkalkung. Die erhöhte 
Sterblichkeit des Städters ist durch diese Krankheiten mitbedingt. Aber auch 
die Darmverstopfung mit ihren Begleiterscheinungen (namentlich der verbreiteten 
städtischen Modekrankheit: nervöse Dyspepsie und Magenhyperacidität) 6 ) gilt als 
Folge der Fleischkost, weil die unverdaulichen Zellulosebestandteile in der vege 
tabilischen Nahrung, die die Peristaltik des Darms zweckmäßig anregen, in der Fleisch 
kost knapp sind. Diesen Mangel soll der Massenkonsum der nährstoffarmen Obst 
früchte und grünen Gemüse ausgleichen; er soll zugleich dem Körper die minera 
lischen Stoffe zuführen, die in der sonstigen städtischen Kost gleichfalls knapp sind 
und durch das oft weiche Wasser der städtischen Wasserleitungen 6 ) noch knapper 
werden. „So sehen wir in der brot- und kartoffelarmen Kost des Amerikaners Obst 
und Früchte eine viel größere Rolle spielen als bei uns, und die grob gemahlenen, 
schlecht ausnutzbaren Bauernbrote, die als Volksnahrungsmittel zurücktreten, 
halten als diätetische Kurmittel in die Kost des Wohlhabenden ihren Einzug“ 7 ). 
Auch der immerhin starke Mehrverbrauch an Südfrüchten, den wir in der deutschen 
Konsumtion vorhin fanden, findet vielleicht so als Folge der besonderen Bedürftig 
keit des Städters seine Erklärung. 
') R u b n e r 1908, S. 81 f. ») Rubner 1908, S. 126, 92. 
3 ) Rubner 1898, S. 31. 4 ) Ebendort S. 128. 
6 ) v. Noorden, Diätetische Zeit- und Streitfragen. Deutsche Revue 1909, Bd. 2, 
S. 37. 
') Weiches Wasser schont die Dampfkessel und soll aus diesem Grunde von manchen 
Stadtverwaltungen bevorzugt werden, auch wo härteres Wasser erreichbar ist. 
7 ) Cohnheim S. 284.
	        
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