Object: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Erfahrung und Denken. 
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Keplers Werk über die Marsbewegung und nach Galileis Entdeckung 
der Jupitertrabanten — veröffentlicht Cremonino, der angese- 
henste italienische Aristoteliker der Zeit, einen Kommentar zur 
Schrift „de coelo“, in dem die Lehre des Copernicus als eine „mo- 
derne astronomische Kuriosität“ erwähnt und abgetan wird: sie ge- 
höre einem „anderen Wissensgebiet“ an, um das der „Philosoph“ 
sich nicht zu kümmern habe.!#®) Man wende nicht ein, dass die 
Aristotelische Ansicht vom Himmelsgebäude sich nur auf die 
Erfahrungen seiner Zeit stütze und somit durch spätere Beob- 
achtungen berichtigt werden könne: habe doch Aristoteles seine 
Lehre nicht mit Rücksicht auf das Bekannte und Unbekannte, 
sondern mit Rücksicht auf die allgemeine Natur der Dinge aus- 
gebildet. 10) Diese „allgemeine Natur“ ist durch die teleologische 
Betrachtung ein für alle Mal erkannt und festgesetzt: die Voll- 
kommenheit des Himmels bestimmt mit einer inneren Notwendig- 
keit, an die keine andersartige Erfahrung heranreicht, die Arl 
und Gestalt seiner Bewegungen. !®!) Wenn in der individuellen 
Substanz die eigentliche Grundlage im Voraus bekannt ist, so 
genügt es, aus ihr die Einzelbestimmungen und Accidenzen rein 
deduktiv zu entwickeln; wenn in dem immanenten Zweck eines 
Dinges seine Wesenheit olfen zu Tage liegt, so begreift es sich, 
dass alle entgegengesetzten Anzeichen, die Experiment und Beob- 
achtung uns bieten, danach berichtigt und umgedeutet werden 
müssen. Das Verhältnis zwischen Vernunft und Erfahrung, 
zwischen Apriori und Aposteriori ist hier — wie Galilei nicht 
müde wird, zu zeigen -— nicht zu klarer prinzipieller Entscheidung 
gelangt. Statt sich gegenseitig in ihrer Notwendigkeit und ihrer 
besonderen Eigenart anzuerkennen, gehen beide Momente nur 
eine äussere und zufällige Mischung ein. Der Blick richtet 
sich anfangs von der sinnlichen Welt hinweg auf ein rein 
„ideales“ Universum, um in ihm das architektonische Vorbild der 
Sinnenerfahrung zu entdecken. Der Begriff der Bewegung wird 
als wesentlicher Inhalt des Naturbegriffs herausgehoben; die 
Arten der Bewegung werden bestimmt und unterschieden. Aber 
in diese Unterscheidung bereits, die nach der Absicht des Ganzen 
aus rein logischen Gesichtspunkten erfolgen sollte, mischt sich ein 
empirisches Moment. Indem die Sonderung der Bewegung der 
Sonderung der Elemente folgt, indem dem Feuer eine absolute
	        
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