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waren, und so zeigt sich, daß bei allen europäischen Völkern der
Felderwirtschaft mit festem Wohnsitz der Nomadenfeldbau der
Jäger und Hirtenvölker vorausging.
Schon zu Tacitus’ Zeiten finden wir bei den Germanen eine
Agrikultur mit festem Wohnsitz. In ähnlicher Weise ging der
gleiche Prozeß mit der Verdichtung der Bevölkerung bei den
Slaven vor sich, und er läßt sich noch jetzt in den dünn bevölkerten
Gegenden Sibiriens und in den westlichen Staaten Nordamerikas
konstatieren. Es lösen also infolge der Bevölkerungszunahme
im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in Deutschland, in
dem 14. und 15. Jahrhundert in Rußland und schließlich im
19. Jahrhundert in Sibirien und in den westlichen Staaten Nord
amerikas die gleichen Wirtschaftssysteme einander ab.
IV.
Bei primitiver Viehzucht hängt die Größe der Bevölkerung
davon ab, in welchem Umfange Herden auf deren Territorium er
halten werden können. Die Zunahme der Bevölkerung zwingt
die Bevölkerung bald, sich zu zerstreuen oder weitere Arbeitsauf
wände zu machen, um den Bodenertrag zu erhöhen.
Der Übergang von der Nomadenwirtschaft oder von der Vieh
zucht zum Ackerbau kann nur bei bedeutend gesteigerten Arbeits
aufwänden vor sich gehen. Der Ackerbau fordert eine intensivere
und kompliziertere Arbeit. Der Ackerbau veranlaßt aber auch die
Bevölkerung, ihre Produktivkräfte durch Erhöhung der Arbeits
aufwände, durch eine neue Arbeitsorganisation, durch Anwen
dung von neuen Werkzeugen usw. zu entwickeln. Ohne eine
Entwicklung der Produktivkräfte durch gesteigerte Arbeitsauf
wände (intensivere Arbeit, längerer Arbeitstag usw.) wäre ein
Übergang zur ausschließlichen Landwirtschaft für die Bevölke
rung des gemäßigten Klimas unmöglich, da der Ackerbau sonst
so geringe Ernten brächte, daß die Bevölkerung damit nicht aus-
kommen könnte. Daher stellt eine Änderung der Wirtschafts
systeme, wie beispielsweise der Übergang von der Viehzucht zum
Ackerbau, einen allmählichen, viele Jahrhunderte dauernden Pro
zeß der Neueinteilung der Produktivkräfte zwischen der Vieh-