geistige Kraft erzeugen und zur Konzentration des Lebens wirken,
desto eher wird ihnen möglich fein, zene gefahren zu überwinden.
Dast mir der Kuhestand nicht eine Üusruhe ist, das hat
schon dieses Jahr genügend erwiesen. Im Üpril dieses Jahres
folgte ich einer dringenden Linladung des norwegischen christlichen
Ltudentenbundes. Diese Studentenschaft hatte mich während des
Krieges schon zweimal dorthin eingeladen, aber erst nach seiner
Beendigung war es mir möglich, dieser dritten Linladung
zu folgen. Die Hauptsache war hier zunächst die Keligions-
philofophie mit ihren brennenden Problemen. Über der Interessen
kreis dehnte sich weiter aus, und ich hatte namentlich in einer
von mir angesetzten 5prechstunde die beste gelegenheit, mit
sehr tüchtigen Persönlichkeiten die tragen der gegenwart zu
erörtern, ähnlich ging es an der Technischen Hochschule zu
Vrontheim, wo die religiösen Tragen natürlich nur gelegentlich
gestreift wurden, die allgemeineren Lebensfragen aber im Border
grunde standen. Ls war überhaupt mein Hauptstreben, die
philosophischen Tragen mit der lebendigen gegenwart in enger
Beziehung zu halten. Ich wurde mit meiner Tochter überall sehr
freundlich empfangen; auch der Deutsche Klub in Kopenhagen
konnte es wagen, einen Begrüstungsabend zu veranstalten, an
dem mehr als 300 Mitglieder der ersten gefellfchaft (in der Mehr
zahl Dänen) teilnahmen.
öodann brachte mir das Jahr 1922 sehr wertvolle Beziehungen
zu Lhina. Qnfang des Jahres erhielt ich den Besuch des chinesischen
Tinanzministers Liang-Lhi-Lhao, der an der Triedenskonferenz in
Versailles teilnahm und von dort in Begleitung zweier chine
sischer Professoren nach Jena kam, um mit mir zu sprechen. Dieser
sehr bedeutende, auch literarisch hervorragende Staatsmann hielt
es für wichtig, mit meinem philosophischen Idealismus und
Üktivismus eine enge Tühlung zu gewinnen. Zu diesem Zwecke
wird eine chinesische Übersetzung meiner Hauptwerke, zunächst der
„geistigen Htrömungen" geplant, und ein sehr begabter und
sympathischer Professor aus Peking hat vier Lommermonate hier
verringern. Uber die iNatur der Dinge ist hier stärker als die Llbsicht der Menschen.
Unvermerkt wird der Stand des Llusnehmenden zum Mast der geistigen Be
wegung, und es sinkt damit unvermeidlich die Höhe des ganzen; auch lästt
sich die Llrbeit nicht vorwiegend auf die Wirkung bei anderen richten, ohne
damit an eignem geholt einzubüsten. — Llus der Verbreiterung must eine
Verflachung werden, wenn nicht eine Urerzeugung erfolgt, welche jener die
Wage hält. Das ist das graste Problem und die gefahr der gegenwart, über
dem Bemühen nach allseitiger Mitteilung den geholt des Lebens zu schwächen,
Uber der Sorge um den einzelnen Menschen das ganze des Menschenwesens
sinken zu lassen/'
Lucken, Lebenserinnerungen