Full text: Lebenserinnerungen

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die furchtbare Sturmflut 1825 ihr Besitztum. Das trieb meinen 
Vater dazu, die Beamtenlaufbahn beim Postwesen einzuschlagen. 
£r war zuerst Postverwalter in Wittmunö, dann aber Vor 
stand des Hauptpostamtes in Llurich. Lr hatte die beste Llussicht 
eine gröstere Stellung im Hannoverschen zu erlangen, aber er 
fühlte sich viel zu sehr als guter Ostfriese, um von der Heimat zu 
scheiden. Ich war fünfeinhalb Jahr alt, als er starb, aber ich 
habe einen deutlichen Lindruck von feiner Persönlichkeit. Lr 
hing init groster Liebe an mir und pflegte mich täglich von der 
kleinen Spielschule abzuholen, auch trug er gewissenhaft fedes 
Monatsdatum meines Lllters in feine Notizen ein. Merkwürdig 
ist es, dast ich von ihm eine Begabung für das Kopfrechnen 
und ein grostes Interesse für Statistik und Handelsverhältnisse 
ererbt habe, während meine Qngehörigen mütterlicherseits dafür 
wenig Interesse hatten. Dieses Interesse für Statistik usw. hing 
in keiner Weise mit meiner geistigen Hauptrichtung zusammen, 
über es hat nrich treu begleitet, und meine Bremer Bekannten 
haben mich oft damit geneckt, wie genau ich über die Handels 
beziehungen, über die Schiffahrt usw. orientiert war. Wahrschein 
lich hätte mein Vater stärker auf mich wirken können, wenn er 
uns nicht so früh genommen wäre. 
Unvergleichlich tiefer hat meine Mutter auf mich gewirkt, fa sie 
hat die grundzllge ihres Wesens auf mich überkragen. Sie war 
die Tochter eines sehr angesehenen und geschätzten geistlichen, der 
(1776—1848) zu den Führern des ostfriesischen Nationalismus 
gehörte*. Lr hat im geiste einer besonnenen Llufklürung un 
ermüdlich eine gemeinnützige Tätigkeit geübt. Jener Nationalis 
mus verstand das Lhristentum vornehmlich moralisch; Jesus erschien 
an erster Stelle als Menschen- und Kinderfreund. Dieser Nationalis 
mus hatte unverkennbar eine gewisse Nüchternheit, und er hat den 
Stand einer Popularphilosophie nicht überschritten, aber er hatte 
graste Verdienste um die Kulturarbeit, an erster Stelle um den 
Unterricht. Mein grostvatxr teilte lebhaft die Bestrebungen des 
Lehrerstandes, und er hat in seinem Hause eine privatschule ein 
gerichtet, die Uber Deutschland hinaus von Holländern, Norwegern 
usw. besucht wurde. Lluch an künstlerischen Llntrieben fehlte es 
ihm nicht. Lr hat in feinen jüngeren Jahren Nomane geschrieben, 
und einzelne seiner gedichte haben auch in weiteren Kreisen Linklang 
gefunden. Lluch hat er eifrig für die Hebung des gartenwefens 
gewirkt. Noch fetzt hat das Dorf, in dem er die Haupkzeit seines 
* Über meinen grogvater Dr. pbil. .Rubels Lhrisioph gutermann imb über 
feine Schriften berichtet ber „JTcuer ytefrolog ber Deutschen", 26. Jahrgang, 1848, 
x. Dell, Seite 362 bis 375.
	        
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