Full text : Lebenserinnerungen

19  OOOOOOOÖOOOOOOOOOOOOO

jeden  Ougenblicf  bereit,  auf  die  Interessen  jedes  Schülers  einzugehen ­
  und  auch  ein  sprödes  Material  unverdrossen  zu  bilden.
Namentlich  in  der  Behandlung  der  Oufsätze  hat  er  unermüdlich
gewirkt.  £r  hat  nicht  selten  verschiedene  Aufsatzthemen  je  nach  der
Ort  und  Fassungskraft  der  Schüler  gestellt.  Oft  hat  er  mir  allein
ein  besonderes  Thema  aufgegeben,  um  meinen  philosophischen
Interessen  entgegenzukommen.  Dabei  stand  ich  bei  höchster  Hochachtung ­
  für  Keuter  in  einem  gewissen  gegensatz  zu  ihm.  £r  war,
wenn  auch  in  keiner  Weise  fanatisch,  so  doch  ein  strenggläubiger
Lutheraner.  Ich  aber  war  sowohl  durch  die  Zusammenhänge
meiner  Tamilie  als  durch  meine  eigenen  £indrü^e  freigestnnt.
Nun  suchte  er  alles  in  mir  zu  erwecken,  was  mich  nach  seiner  Überzeugung ­
  auf  den  rechten  Weg  führen  könnte.  £r  hat  oft  mit  mir
über  diese  Tragen  gesprochen  und  dabei  nie  die  Qukorikät  des  Lehrers,
sondern  das  Necht  der  Sache  eingesetzt.  Der  blosten  Oufklärung
war  ich  bei  aller  freien  gesinnung  von  früh  an  fremd,  aber  ich
verdnnke  Neuter,  dast  ich  die  schroffen  Zegensätze  des  Lebens  und
des  geistigen  Bestandes  der  Seele  von  Jugend  auf  durchschauen
konnte  und  dadurch  in  der  Hauptrichtung  meines  eigenen  Strebens
bestärkt  wurde.  Natürlich  blieb  ich  Neuter  dauernd  verbunden,
wir  haben  regelmästig  miteinander  korrespondiert*.  Ols  ich  ihn
zuletzt  sah,  hat  er  bitterlich  geweint.
Sehr  bedauerlich,  ja  empörend  war  es,  dast  der  tiefinnerliche
und  ganz  und  gar  auf  feine  seelenbildende  Orbeit  gerichtete  Lehrer
zum  Schlust  seines  Lebens  in  politische  Konflikte  geriet  und  dabei
eine  Behandlung  erfuhr,  die  uns  Ostfriesen  empörte.  Neuter
stammte  aus  Hildesheim  und  fühlte  sich  als  Olthannoveraner.
Nun  kam  die  Onnexion  1866;  diese  Onnexion  mit  der  £ntthronung
des  Königs  widersprach  seinem  moralischen  £mpfinden,  und  wie
er  nie  aus  seiner  Überzeugung  Hehl  machte,  so  hat  er  wahrscheinlich
auch  zu  den  Schülern  darüber  gesprochen.  Nun  müssen  irgendwelche ­
  nichtostfriesische  Schüler  ihren  Litern  davon  erzählt  haben,
wahrscheinlich  hat  sich  auch  Klatsch  daran  geknüpft;  kurz  es  wurde

*  Veröffentlicht  hat  meines  Wissens  Reuter  nur  eine  kleine  Schrift  „Lcfstngs
Erziehung  des  Menschengeschlechts.  Darlegung  des  geholtes  und  des  Zweckes"
(x88i,  80  Seiten).
Bemerkenswert  ist  die  enge  Beziehung  Reuters  mit  unserem  grasten  Juristen
Zhering.  Wie  sehr  dieser  Reuter  schätzte,  zeigt  ein  Zugendbriefvom  17.  Dezember
1840,  in  welchem  Zhering  schreibt:  „Zch  werde  es  stets  anerkennen,  welch'  einen
wohltätigen  stinflust  Sie  auf  mein  Leben  gehabt  haben,  indem  Sie  nicht  nur
den  Sinn  für  Wissenschaft  in  mir  erweckten,  sondern  mir  auch  die  Verfolgung
meiner  jetzigen  Laufbahn  so  sehr  erleichterten".
Zch  selbst  habe  in  den  Dstfricsischen  Monatsblättern  1881  meiner  dankbaren
Schätzung  Reuters  in  kurzen  Worten  llusdruck  gegeben  (S.  193—198).
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.